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Full text of "freie wissenschaft und freie lehre"

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L. 



Freie f issenscliafi eil freie Lelire. 



Eine Entgegnung 



Rudolf Virchow's Münchener Rede 



„Die Freiheit iler Wissenschaft im modernen Staat". 




Ernst Haecke). 






Stuttgart. 

E. Schwetzerbart'sehe Verlagshandlung (E. Koch). 
1878. 



„Die Wissenschaft and ihre Lehre ist frei". 
(§. 152 der Verfassung des Deutschen Reichs.) 



Inhalt. 



Seite 

Vorwort 1 

I. Entwickelung und Schöpfung 9 

IL Sichere Beweise der Abstammungslehre lö 

III. Schädeltheorie und Affentheorie 28 

IV. Zellseele und Cellular-Psychologie 40 

V. Genetische und dogmatische Lehr-Methode 51 

VI. Descendenz-Theorie und Social-Demokratie 70 

Vn. Ignorabimus et Kestringamur 78 

Anhang: 

Einige Stimmen der Presse über Virchow's Münchener Rede .... 94 



■ A. . 



4 - ■ ■ • • • J ' 






Vorwort. 



Als im October vorigen Jahres die Rede über „die Freiheit 
der Wissenschaft im modernen Staate^ gedruckt erschien, welche 
Rudolf Virchow am 22. September d. J. auf der fünfzigsten 
Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu München 
gehalten hatte, wurde ich von vielen Seiten aufgefordert, auf die- 
selbe eine Antwort zu ertheilen. Eine solche Antwort meinerseits 
erschien wohl gerechtfertigt durch die starken Angriffe, welche 
Virchow in seiner Rede gegen meinen, vier Tage früher in der- 
selben Versammlung gehaltenen Vortrag über- „die heutige Ent- 
wickelungslehre im Verhältnisse zur Gesammtwissenschaft^ gerichtet 
hatte. Die allgemeinen Ansichten, welche Virchow dabei ent^wickelt, 
ergeben einen so tiefgreifenden Gegensatz unserer beiderseitigen 
wichtigsten Principien und berühren so sehr unsere werthvollsten 
moralischen Ueberzeugungen, dass an eine Versöhnung derselben 
nicht mehr gedacht werden kann. Trotzdem unterliess ich es, 
diOj naheliegende Entgegnung zu veröffentlichen, und zwar aus 
zwei Gründen, aus einem sachlichen und einem persönlichen. 

In sachlicher Beziehung glaubte ich, die Entscheidung in 
dem zwischen uns ausgebrochenen Streite getrost der Zukunft 
überlassen zu können. Denn einerseits ist thatsächlich die von 
Virchow bekämpfte Entwickelungslehre heute bereits dergestalt 
zur festen Grundlage der biologischen Wissenschaften und zum 
werthvollsten Geistes-Erwerb der gebildeten Menschheit geworden, 
dass weder der Fluch der Kirche , noch der Widerspruch der 

H a e c k e 1 , Freie Wissenschaft. 1 



wissenschaftliclien Autorität — und lieisse sie aucli 
Viechot! — Etwas mehr daran ändern kann. Anderseits sind 
die meisten Gründe, welche derselbe namentlich gegen die De- 
scendenz - Theorie anführt, schon so oft erörtert nnd so gründlich 
widerlegt worden, dass eine erneute nochmalige Widerlegung in 
der That überflüssig erscheinen kann. 

In persönlicher Beziehung widerstrebte es mir auf das 
Höchste, einem Mann entgegenzutreten, den ich vor einem Viertel- 
jahrhundert als Reformator der mediciniaehen Wissenschaft hatte 
kennen und verehren lernen, zu dessen eifrigsten Schülern nnd 
begeistertsten Anhängern ich damals gehörte; zu dem ich später 
als sein Assistent in die nächsten Beziehungen trat, und mit dem 
auch nachher noch freundschaftliche Verhältnisse mich vei-banden. 
Je lebhaftei' ich schon seit Jahren Viechow's Stellung als Feind 
unserer neuen Entwickeinngslehre bedauerte, und je mehr ich 
durch seine widerholten Augriffe auf letztere zu einer Entgegnung 
herausgefordert wurde, desto weniger Neigung fühlte ich trotzdem, 
als Gegner des hochverehrten und verdienstvollen Mannes öifent- 
lich aufzutreten. 

Wenn ich nun jetzt dennoch zu einer Entgegnung mich ge- 
zwungen sehe, so geschieht dies in der Ueberzeugung , dass 
längeres Schweigen die irrthümhcheu Anschauungen noch ver- 
mehren dürfte, die meine bisherige Resignation bereits hervor- 
gerufen hatte. Zugleich glaube ich, gerade wegen der besonderen 
Theilnahme, mit welcher ich Viechow's wissenschafthche Thätig- 
keit von jeher begleitet habe, die hundertfach mündlich und 
schriftlich an mich gerichtete Frage beantworten zu können : 
„Wie ist es möglich, dass ein Mann, der lange Zeit an der 
Spitze der Fortschrittspartei, in der Wissenschaft wie im poli- 
tischen Leben stand, zwar in letzterem diesen Standpunkt ausser- 
lich festgehalten hat, in der ersteren hingegen zu einem Werk- 
zeug der gefährlichsten Reaction geworden ist" ? 

Eine gelegentliche mündhehe Antwort, welche ich auf diese 
oft wiederholte Frage im März d. J. beim Concordia-Banket in 
Wien gegeben hatte, ist in der Tagespresse üi so verschiedenem 



I 



■ßione wiedergegeben, theilwdse so missverstanden oder so ab- 
sichtlich entstellt worden, dass ich schon desshalb gezwungen bin, 
jetzt endlich eine klare und unzweideutige Entgegnung zu ver- 
öffentlichen. Die „Äugsburger Allgemeine Zeitung" , die mit Be- 
llierde jede Gelegenheit ergreift, um ihrem unüberwindlichen 

^Widerwillen gegen die Entwickelungslehre Ausdruck zu geben, 
hatte in einem ihrer feinUchen Artikel mich leidenschaftlicher 

und unwürdiger Angriffe gegen ViacHow beschuldigt. Gegenüber 
dieser Entstellung des Äugsburger Blattes, die von ihm auch in 
andere Blätter überging, muss ich ausdrüeldieh hervorheben, dass 
nicht ViRCHOw, sondern meine Person der Angegriffene ist, und 
dass es sich daher meinerseits nicht um einen ungerechtfertigten 
Angriff gegen einen früher von mir hochverehrten Freund, 
sondern um eine nothgedrungene Vertheidigung gegen die 
wiederholten und scharfen Angriffe des letzteren handelt. 

Ein anderer Grund, der mich zwingt, jetzt endUcb mein 
Schweigen zu brechen, liegt in der fortdauernden ergiebigen Aus- 

; beutung, welche Vibchow's Rede seit drei Vierteljahren von 

kßeiten aller clericalen und reactiouaren Organe zu Gunsten des 
geistigen Rückschritts erfährt. Der laute Jubel, mit dem die 
letzteren sofort Virchow's „grosse moralische That" , d. h. seine 
Bekehrung vom Freidenker zum Finsterling, begrüssten , war nur 
das erste Signal zu jener fortwährenden Ausbeutung, deren ver- 
derbhehe Früchte sicher nicht ausbleiben werden. Schon Feikd- 
BICH V. Hellwäld hat in seiner Besprechung der Münchener 

I Beden (in Kosmos II. Bd., S. 172) treffend auf die grosse Ge- 
fahr hingewiesen, die darin liegt, dass gerade ein Virchow unter 
dem Banner des politischen Liberalismus, und in den Mantel der 
strengen Wissenschaft gehüllt, entschieden die Freiheit der Wissen- 
schaft und ihrer Lehre bekämpft. Diese ernste Gefahr hat sich aber 

jjiie so drohend gezeigt, wie im gegenwärtigen Augenblick , wo unser 
■politisches und religiöses Leben einer Reaction entgegen zu gehen 
scheint, wie sie seit langer Zeit nicht dagewesen ist. Die beiden 
wahnsinnigen Attentate, welche vor wenigen Wochen die Social- 
Democratie gegen das allverehrte Greisenhaupt des Deutschen 



Kaisers gerichtet hat, haben einen Sturm gerechter Entrüstung 
von solcher Stärke hervorgerufen, dass das besonnene Urtheil 
völlig zu Boden geworfen ist, und dass selbst viele ;;freisinnige^ 
Politiker nicht nur ungestüm zu den härtesten Massregeln gegen 
die utopistischen Lehren der Social-Democratie hindrängen, sondern, 
weit über das Ziel hinausschiessend , die freie Lehre und den 
freien Gedanken, die Pressfreiheit und die Gewissensfreiheit selbst 
in die engsten Fesseln zu schlagen fordern. Welche willkommnere 
Unterstützung kann da die im Hintergrund lauernde Reaction 
finden, als die laute Forderung eines Virchow auf Aufhebung 
der Lehrfreiheit? Und wenn ein Virchow unsere heutige 
Entwickelungslehre im Allgemeinen und die Descendenz-Theorie 
im Besonderen für die verrückten Lehren der Social-Democratie 
verantwortlich macht, so ist es nur eine ganz natürliche und 
richtige Consequenz wenn die berühmte neupreussische ^,Kreuz- 
Zeitung^ — wie factisch in diesen Tagen geschehen ist — die 
beiden Attentate der Social -Democraten Hödel und Nobiling 
direct der Descendenz-Theorie, und speciell der verhassten Lehre von 
der ,,AflFen- Abstammung des Menschen^ in die Schuhe schiebt! 

Viel ernster aber noch gestaltet sich diese drohende Gefahr, 
wenn wir erwägen, welchen grossen Einfluss Virchow als ;jfrei- 
sinniger Fortschrittsmann^ auch heute noch besitzt, und wie er 
im preussischen Landtage insbesondere als erste sachkundige 
Autorität und zugleich als freisinnigster Kritiker gilt, wenn es 
sich um Unterrichtsfragen handelt. Nun steht bekanntlich als 
eine der wichtigsten Aufgaben dem preussischen Landtage die 
Berathung eines neuen Unterrichts-Gesetzes bevor, welches 
wahrscheinlich für lange Zeit seinen massgebenden Einfluss nicht 
nur in Preussen, sondern in ganz Deutschland geltend machen 
wird. Was dürfen wir von einem solchen Unterrichts-Gesetze er- 
warten, wenn bei dessen Berathung unter der geringen Zahl der 
überhaupt zu hörenden Sachkundigen Virchow seine Stimme als 
leitende Autorität erhebt und dann die Grundsätze zur Geltung 
bringt, die er in der Münchener Rede als die sichersten Garantien 
für ;,die Freiheit der Wissenschaft im modernen Staate^ proclamirt 



hat. Artikel 20 der Preussischen Verfassungs-Urkunde und §. 152 
der Verfassung des Deutschen Reiches sagen: ^Die Wissenschaft 
und ihre Lehre ist frei". Die erste That Virchow's muss 
nach den jetzt von ihm aufgestellten Grundsätzen ein Antrag auf 
Aufhebung dieses Paragraphen sein ! 

Angesichts dieser drohenden Gefahren darf ich mit meiner 
Antwort nicht länger zögern. Amicus Socrates, amicus Plato, 
magis amica veritas! Eine rückhaltlose und offene Entgegnung 
ist nicht mehr länger zu verschieben. Zur Orientirung derjenigen 
Leser, welche die Vorgänge auf der letzten Naturforscher-Ver- 
sammlung in München nicht näher kennen, lasse ich im Anhang 
die Mittheilung einiger Stimmen der Presse folgen, wie sie 
unmittelbar nach jenen Vorgängen laut wurden. Die beiden 
reactionären Artikel der ^^Germania" und der „Neuen evangelischen 
Kirchenzeitung" sind dabei für die Sachlage noch bezeichnender, 
als die freisinnigen Aeusserungen des ,,Ausland" und der „Frank- 
furter Zeitung". In thatsächUcher Beziehung bemerke ich noch, 
dass auf der Münchener Versammlung weder Vibchow meine 
Rede gehört hat, noch ich die seinige. Ich hielt meinen Vortrag 
(so wie er gedruckt vorUegt) am 18. September 1877 und reiste 
am 19. bereits ab. Verchow hingegen kam erst am 20. in 
München an und hielt seine Rede am 22. September. 

Eingedenk des vielfachen Dankes, den ich Virchow als meinem 
früheren Lehrer und Freunde von Würzburg her schuldig bin, 
und den ich jederzeit durch Weiterbau seiner mechanischen 
Lehren zu bethätigen bestrebt war, werde ich mich auf eine 
möglichst objective und sachUche Widerlegung geiner Behauptungen 
beschränken. Allerdings lag gerade diesmal die Versuchung 
nahe genug. Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Ich hatte in 
meiner Münchener Rede unter den wenigen Namen , die ich über- 
haupt anführte, denjenigen von Viechow als dem hochverdienten 
Begründer der Cellular-Pathologie besonders hervorgehoben (S. 12). 
Virchow vergalt dies damit, dass er in seiner gewohnten Weise 
die Entwickelungslehre mit Hohn und Spott überhäufle. Der 
Kritiker der National - Zeitung , Herr Isidor Kastan erzählt 



darüber mit besonderer Genugthuung: „der Spott, mit welchem 
Herr Vibchow gerade diese Seite der HAECKEL-Phantasieii be- 
handelte, wai' freilich ätzend genug; indessen ist das nun einmal 
ViECHOw'sehe Art, nur dass sie in diesem Falle, wenn irgendwo, 
vollauf berechtigt war." 

Weniger als diesen Spott dürfte ich wohl die D e n u n c i a t i o n 
ignoriren, mit welcher mich VmcHow als Bundesgenossen der 
Social-Democratie an den Pranger stellt und die Descendenz- 
Theorie für die Gräuelthaten der Pariser Commune verantwortlich 
macht. Vielfach ist die Ansicht laut geworden, dass er durch 
diese absichthche Verkuppelung der Descendenz-Theorie mit der 
Social-Democratie der ersteren wohl den härtesten Schlag zu- 
gefügt habe, imd dass damit wohl nichts Geringeres beabsichtigt 
sei, als eine Entfernung aller „Darwinisten" von ihren akade- 
mischen Lehrstühlen. In den Consequenzen seiner pädagogischen 
Forderungen liegt das ganz sicher. Denn wenn Viechow mit 
grösHter Entschiedenheit fordert, dass die Descendenz-Theorie nicht 
gelehrt werden dürfe ( — weil Er sie nicht für wahr hält! — ), 
was sollen dann alle die Vertreter dieser Theorie machen, die 
gleich mir dieselbe für unumstössUch wahr halten und als eine 
völlig gesicherte Theorie lehren ? und zu diesen vom Trans- 
formismus felsenfest überzeugten Vertretern gehören min- 
destens neun Zehntel aller in Europa lehrenden Zoologen 
und Botaniker, die Morphologen fast ohne Ausnahme ! Virchow 
kann doch nicht verlangen, dass diese Lehrer sftmmtlich das, 
was sie für unerschütterliche „Wahrheit^ halten, verleugnen 
nnd dafür nach seinem Wunsche das Dogma der Kirche zur 
Grundlage des Unterrichts erheben? Es bleibt ihnen Nichts 
übrig, als auf ihre Lehrstühle zu verzichten, und der „moderne 
Staat" ist sogar im Sinne Viechow's und der „Germania" ver- 
pflichtet, ihnen ihr Lehrrecbt zu entziehen, wenn sie nicht frei- 
wilhg darauf verzichten. 

Ist das wirklich Vibchow's Absicht gewesen, wie vielfach an- ■ 
genommen wird, so kann er sich wenigstens mit Rücksicht auf 
mich seine Mühe sparen. Bei uns in Jena herrschen andera 




Vorstellungen über „die Freiheit der Wissenschaft im nioderöen 
Staate", als in der Keichshanptstadt Berlin. Was man in dieser 
„Metropole der Intelligenz" für akademische Lehrfreilieit halt , das 
hat der Fall Dühhing noch kürzlich schlagend illustrirt. Bei 
uns würde es Niemand eingefallen sein, wegen seiner missllebigen 
Aeuaserungen Döhking die Facultas docendi zu entziehen, selbst 
wenn er nicht das Unglück gehabt hätte, unbemittelt und blind 
zu sein ! Auch gilt bei uns nicht der Berliner Studenten-Vers : 
„Wer die Wahrheit kennet und saget sie frei, der kommt in Berlin 
auf die Stadt-Vogtei !" Vielmehr singen die Jenenser Studenten 
diesen Vers in seiner ursprünglichen Fassung : „Wer die Wahr- 
heit kennet und saget sie nicht, der ist fürwahr ein 
erbärmlicher Wicht"! 

Der Rector raagniticentissimus der Universität Jena , der 
Grossherzog von Sachsen, der bewährte Beschützer der Künste 
und Wissenschaften, hat ausserdem weit liberalere Ansichten über 
die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung uud Lehre, als 
der berühmte Führer der Berliner Fortschritts-Partei. Der er- 
leuchtete und freisinnige Fürst in Weimar, unter dessen be- 
sonderem Schutze wir hier stehen, hat niemals för nöthig erachtet, 
die ungebundene Freiheit meiner Lehre und meiner Schriften 
irgendwie zu beschränken, selbst damals nicht, als 1866 die 
„Generelle Morphologie" und 1868 die ,,Natürliche Schöpfungs- 
geschichte" erschien, und als von verschiedenen Seiten der Ver- 
such gemacht wurde, die darin enthaltenen jugendlichen Extra- 
vaganzen zur Gnmdlage einer schweren Anklage zu machen. Und 
was haben denn auch diese Extravaganzen, die ich jetzt aufrichtig 
beklage, weiter für Schaden angerichtet? 

Getreu den ruhmvollen Traditionen einer dreihundertjalu-igen 
Vergangenheit wird die kleine thüringer Universität Jena ihi'e 
volle und unbeschränkte Lehrfreiheit zu bewahren wissen. Sie 
wird stets dessen eingedenk bleiben, dass sie die erste pro- 
testantische Universität Deutschlands ist, protestirend 
gegen jede Zwangsjacke , welche hierarchische Willkür der 
menschlichen Vernunft, gegen jedes Dogma , welches Gelehrten- 



8 



Hochmuth der freien Lehre aufzwingen will. Sie wird nach bestem 
Gewissen frei forschen und frei lehren, unbekümmert darum, ob 
auf der ^ grossen^ Universität Berlin nach Virchow's Forderung 
nur das gelehrt werden darf, was objectiv festgestellt, was ab- 
solut sicher ist, — d. h. also, Nichts, was über einzelne, 
unzweifelhafte und greifbare Thatsachen hinausgeht, aber keine 
Idee, kein Gedanke, keine Theorie, überhaupt keine wirkliche 
;,Wissenschaft^, höchstens die Mathematik ausgenommen! 

Gewiss wird Jena, nach unserer Ueberzeugung , so lange 
eine unabhängige Zufluchtstätte freier Wissenschaft und freier 
Lehre bleiben, als es sich unter der treuen Pflege und frei- 
sinnigen Obhut des Sachsen- Weimarischen Fürstenhauses befindet ; 
jenes aufgeklärten Hauses, das durch die unvergleichüchen Tra- 
ditionen seiner ehrenvollen Vergangenheit mit der Geschichte des 
deutschen Geistes untrennbar verknüpft ist. Was die Wartburg 
für Martin Luther, was Weimar für die grössten Heroen der 
deutschen Literatur, was Jena seit drei Jahrhunderten für eine 
grosse Zahl hervorragender Forscher gewesen ist, das wird unser 
bewährtes Jena für die heutige Entwickelungslehre wie für alle 
frei sich entwickelnden Lehren der Wissenschaft auch fernerhin 
gewiss bleiben, eine feste Burg freien Denkens, freier Forschung, 
freier Lehre! 

Jena, am 24. Juni 1878. 

Ernst Haeckel. 



I. Entwickelnng und Scböpfang. 

Die Verständigung in wissenschaftlichen Streitfragen wird 
durch Nichts mehr erleichtert und die Klärung von verworrenen 
Anschauungen durch Nichts mehr gefördert, als durch eine mög- 
lichst scharfe und klare Gegenüberstellung der einfachsten Haupt- 
sätze der widerstreitenden Lehren. So ist es dem Siege unserer 
heutigen Entwickelungslehre sehr zu statten gekommen, dass ihr 
Hauptproblem, die Frage von der Entstehung der Arten, mehr 
und mehr vor die entscheidende Alternative gedrängt wurde: 
Entweder haben sich die Organismen natürlich entwickelt, 
und dann müssen sie alle von einfachsten gemeinsamen Stamm- 
formen abstammen — Oder das ist nicht der Fall, die einzelnen 
Arten der Organismen sind unabhängig von einander entstanden, 
und dann können sie nur auf übernatürlichem Wege, durch 
ein Wunder, erschaffen sein. Natürliche Entwickelnng oder 
übernatürliche Schöpfung der Arten — zwischen diesen beiden 
MögUchkeiten ist zu wählen, ein Drittes gibt es nicht! 

Da VißCHOw, gleich vielen andern Gegnern der Entwickelungs- 
lehre beständig diese letztere mit der Abstammungslehre und diese 
wieder mit dem Darwinismus verwechselt, so ist es nicht über- 
flüssig, hier mit ein paar Worten an den verschiedenen Umfang 
und die Unterordnung der drei grossen Theorien zu erinnern: 

I. Die allgemeine Entwickelungslehre, die Progene- 
sis-Theorie oder ;,Evolutions- Theorie'^ (im weitesten Sinne), als 
umfassende philosophische Weltanschauung, nimmt an, dass in der 
ganzen Natur ein grosser einheitlicher, ununterbrochener und 



10 

ewiger Entwickelungs -Vorgang ptattfindet , uuti dass alle Natur- 
Erscheinungen ohne Ausnahme , von der Bewegung der Him- 
melskörper und dem Falle des rollenden Steins bis zum Wachsen 
der Pflanze und zum Bewusstsein des Menschen, nach einem und 
demselhen grossen Causal-Gesetze erfolgen, dass alle schliess- 
lich auf Mechanik der Atome zurückzuführen sind: Mecha- 
nische oder mechanistische, einheitliche oder monistische Welt- 
anschauung, mit einem Worte: Monismus. 

n. Die Abstammungslehre oder Descendeuz-Theorie, 
als umfassende Lehre von der natürlichen Entstehung der 
Organismen, nimmt an, dass alle zusammengesetzten Organismen 
von einfachen, alle vielzelhgen Thiere und Pflanzen von einzelligen, 
wie diese letzteren von ganz einfachen Urorganismen , von Mo- 
neren abstammen. Da wir die organischen Species, die mannig- 
faltigen Arten der Thiere und Pflanzen unter unseren Augen sich 
durch Anpassung verändern sehen, da die Aehnhchkeit im 
inneren Bau derselben nur durch Vererbung von gemeinsamen 
Stammformen vemuuftgemftss erklärbar ist, so müssen wir wenig- 
stens für die gi-Össeren Hauptgruppen des Thierreichs und Pflan- 
zenreichs, für die Gassen, Ordnungen u. s. w., gemeinsame Stamm- 
formen annehmen. Die Zahl derselben wird also sehr beschränkt 
sein und die ältesten archigonen Stammformen können immer nur 
Moneren sein, Ob wir- schliesslich eine einzige geraeinsame 
Stammform annehmen (monophyletisclie Hypothese) oder m eh- 
rere (polyphyletische Hypothese), ist gleichgültig für das Wesen 
der Descendenz- Theorie. Ebenso ist es gleichgültig für den Haupt- 
gedanken derselben, welche mechanischen Ursachen füi' die Um- 
bildung der Arten angenommen werden. Die Annahme dieser 
Umbildung der Species selbst ist aber unentbehrUch , und da- 
her wird die Descendenz-Theorie auch mit Recht als Umbil- 
dungslehre oder „Transformismus" bezeichnet (auch wohl 
nach Jean Lamarck , der zuerst 1809 sie begründete, als „La- 
marckismus"). 

ni. Die Züchtungslehre oder Selections-Theorie, 
als die besondere Lehre von der „Zuchtwahl oder Selectioü", 



11 



airamt an, dass fast alle oder doch die meisten organischen Arten 
cliircli den Process der Auslese oder Selection entstanden sind: 
die künstlichen Arten im domesticirten Zustande (die Rassen der 
Hausthiere und Culturpflanzen) durch „künstliche Zucht- 
wahl" — ■■ die natürlichen Arten der Tliiere und Pflanzen, im 
wilden Zustande, durch „natürliche Zuchtwahl"; bei den 
ersteren züchtet der Wille des Menschen planmässig, bei den 
letzteren der „Kampf uras Dasein" planlos. In beiden Fallen ge- 
schieht die Umbildung der organischen Formen dtirch Wechsel- 
wirkung dei- Vererbungs- und Anpassungs-Gesetze ; in beiden Fallen 
-beruht sie auf der „Auslese oder Selection" einer bevorzugten 
.Mmderzahl. Dieses Züchtungs-Princip ist zuerst von Charles 
pAawiN 1859 in seiner ganzen Bedeutung klar erkannt und ge- 
würdigt worden. Die darauf gegründete Selections -Theorie ist 
der eigentliche „Darwinismus". 

Itas Verhältniss dieser drei grossen, häufig verwechselten 
Theorien zu einander ist also nach dem heutigen Standpunkte 
dei- Wissenschaft einfach folgendermassen festzustellen : I. der 
Monismus, die universale Entwickelungs - Theorie oder die mo- 
nistische Progenesis -Theorie ist die einzige wissenschaftliche 
Theorie, welche das Weltganze vernunftgemass erklärt, und 
das Causalitäts-Bedürfniss unserer menschlichen Vernunft befrie- 
digt, indem sie alle Natur-Erscheinungen als Theile eines einheit- 
lichen grossen Entwickelungs-Processes in mechanischen Causal- 
Zusammenhang bringt ; II. der T r a n s f o r ni i s m u s oder die 
Descendenz-Theorie ist ein wesenthcher und unentbehrlicher Be- 
Btandtbeil der monistischen Entwickelungs-Theorie, weil sie die 
einzige wissenschaftliche Theorie ist, welche die Entstehung der 
organischen Species vernunftgemass , nftmlich durch Umbildung 
erklärt und auf mechanische Ursachen zurückführt; III, die 
.Selections-Theorie oder der Darwinismus ist bis jetzt die 
llrichtigste unter den verschiedenen Theorien, welche die Um- 
bildung der Arten durch mechanische Ursachen zu erklaren ver- 
suchen; sie istaber keineswegs die einzige. Wenn wir auch 
annehmen, dass die meisten Arten durch natürliche Züchtung ent- 



12 



standen sind, so wissen wii' jetzt doch anderseits, dass viele als 
Species unterschiedeue Formen Bastarde von zwei verschiedenen 
Arten sind und als solche sich fortpflanzen können; und daneben 
ist es sehr wohl denkbar, dass noch andere Ursachen hei der 
Species-Bildung wirksam sind, von denen wir bis jetzt noch gar 
keine Vorstellung haben. Welchen Antheil man also der natür- 
lichen Zuchtwahl an der Entstehung der Arten zuschreibt, das 
ist dem Ermessen der einzelnen Naturforscher überlassen, und 
darüber geben selbst die Autoritäten noch heute weit auseinander. 
Die Einen schreiben ihr dabei einen sehr grossen, die Anderen 
einen sehr gelingen Antheil zu. Mosiz Wagneb z. B. will Dab- 
win's Selections-Theorie durch seine Migrations-Theorie verdi'angeu, 
während ich die Wirkung der Migration, die Isolation oder Separ 
ration, nur für einen besonderen Fall der Selection halte. Diese 
verschiedene Werthschätznng des Darwinismus ist aber ganz 
unabhängig von der absoluten Geltung der Descendenz-Lelire oder 
des Transformismus; denn ilie letztere ist eben bis jetzt die 
einzige Theorie, welche uns die Entstehung der Alten vemunft- 
geniftss erklärt. Wenn man diese verwirft, so bleibt nichts Anderes 
übrig als die unvernünftige Annahme eines Wunders, einer 
übernatürlichen „Schöpfung". Wir wollen diesen mystischen 
Schöpfungsglauben kurz als Creatismus bezeichnen. 

In dieser entscheidenden imd unausweichlichen Alternative 
hat ViGCHOw jetzt sich offen für den Creatismus und gegen den 
Transformismus ausgesprochen. Jeder der mit ' unbefangenem 
Blick und unparteischera Urtheil seine gelegenthchen Aeusserungen 
über die Descendenz- Theorie im letzten Decennium aufmerksam 
verfolgte, musste sich überzeugen, dass er dieselbe im Grunde 
verwirft. Doch war sein Widerspruch stets so verhüllt und 
sein Urtheil namentlich über den Darwinismus stets so auf 
Schrauben gestellt, dass eine gelegentliche Bekehrung zum Gegen- 
theil nicht unmöglich erschien, und dass selbst viele, Vikohow 
näher stehende, Schüler und Freunde nicht wussten, bis zu welchem 
Grade er ein Gegner der Entwickelungslehre überhaupt sei. Zur 
endlichen Kläi-ung dieser Zweifel hat Vikchow selbst in München 



13 



läen letzten Schritt gethan; denü es kann nach seiner Münchener 
Lede kein Zweifel melir sein, dass er zu den entschiedenen 
Gegnern der ganzen Entwickehmgslehre gehört, mit Inbegriff der 
tbstammungslehre und mit Inhegriff der Züchtungslehre. 

Sollte Jemand noch daran zweifeln, so lese er den erheitern- 
slen Jubelhymnns, mit welchem VmcHow's Freund und Mitarbeiter, 
■Adolf Bastian, seine Münchener Kede begrüsste. Dieses „Enfant 
■ierrible" der Creatisten, dieser treffend sogenannte: „Wirkliche 
[Geheime Ober-Confusionsrath", dessen Verdienste um die unfrei- 
Iwillige Förderung des Traiisfbnnismus ich bereits im Vorwort zur 
|3. Auflage der Natiirl. Schöpfiingsgeschichte gewürdigt habe, lasst 
1 in der von Virchow imd ihm selbst herausgegebenen „Zeit- 
rift für Ethnologie" (X. Jahrg., 1878, p. 66) folgendermassen 
Mmehmen: Auf der Münchener Naturforscher -Versammlung hat 
ViECHOw ,durch ein paar seiner gewichtigen Worte die unter dem 
■ucke einer gespenstischen Deseendenz gar schwüle und 
hchwere Atmosphäi'e wieder geklärt und die Naturwissensclialt 
ron diesem Alp, durch den sie sich lange, mancher Ansicht nach 
[ lange hatte belasten lassen, nochmals befreit, diesmal hoffent- 
^eh für immer. Das Heranziehen dieses (iewitters war bereits 
seit Jahren zu erkennen, und der ganze Verlauf zeigt sich als 
i durchaus normaler. Als die yon Darwin so viel versprechend 
angepflanzten Keime durch fieberisch übertriebene Treibhaushitze 
zu taubem Unkraut auszuwuchem begannen, lag die kurze Lebens- 
fähigkeit desselben vor Augen. So lange unter der Pression 
psychischer Epidemien die Wogen allzu hoch gehen, ist es ziemhch 
nutzlos dagegen zu protestiren, da jedes Ohr durch den Lärm 
umher allzu betäubt ist, um auf die Stimmen Einzelner zu hören. 
Am besten gehen dann die Dinge ihren eigenen Gang, immer 
tiefer in den Sumpf hinein, bis sie dort von selbst stecken bleiben ; 
denn: .,Quos deus perdere vult dementat prius". (—Welche sel- 
tene Selbst-Erkenntniss bei Bastian ! — ) So auch in diesem Falle ! 
Als die in gegenseitigen Ermuntenmgen gesteigerten Ausschweifun- 
gen der Deseendenz in den in München geredeten Delira- 
menta (oder Abelterias, wie man nun sagen will) gipfelten, brach 



14 



in dem Uebermass der Absurditäten die allzu zugespitzte Spitze 
fast schon durch eigene Spitzigkeit, und so sind wii- sie gleich 
init einem Schlage los geworden. Jetzt ist es glücklich 
vorbei mit der Descendenz, oder Ascendenz, doch wird die 
Natui'wissenschaft desshalb nicht um so schlechter fahren, da 
manche Anhänger derselben zu ihren tüchtigsten Jüngern gehören, 
und indem sie jetzt nicht mehr die beste Zeit mit Roman -Ent- 
würfen zu vergeuden brauchen, bleibt ihnen solche für Förderung 
der Wissenschaft zu Gebote stehen, um ihr durch reelle Beitrage 
Bereicherung zxl gewähren" 1 (Bravo !). 

Zum üeberäuss citirt Bastian auch noch VmcHow's creatisti- 
schen Wahrspruch : „Der Plan der Organisation ist inner- 
halb der Speciea unveränderlich, Art Iftsst nicht von 
Arf" (1. c. p. 71). Deutlicher kann man allerdings den teleo- 
logischen Grundgedanken der Creatisten, dass jede Species ihren 
Constanten und specifischen „Bauplan" besitze, nicht ausdrücken. 
VmcHow ist also, das steht jetzt unzweifelhaft fest, Dualist und 
Creatist geworden, und ebenso von der Wahrheit seiner Prin- 
cipien durchdrungen, wie ich als Monist und Transformist vom 
Gegentheil. Das geht aus dem ganzen Zusammenhang seiner 
Münchener Rede unzweifelhaft hervor, obwohl er sich immer hütet, 
seinen principiellen Standpunkt in voller Nacktheit zu bekennen. 
Vielmehr hüllt er auch jetzt noch seinen Widerspruch in die, 
auch bei den clericalen Blattern am meisten beUebte Plirase, dass 
die Descendenz-Theorie eine „unbewiesene Hypothese" sei, Nun 
ist es aber klar, dass diese Theorie überhaupt niemals „bewiesen" 
werden wird, wenn die heute bereits vorliegenden Beweise nicht 
ausreichen. Wie oft ist es nicht schon wiederholt worden, dass 
die wissenschaftliche Sicherheit der Descendenz-Theorie nicht in 
dieser oder jener einzelnen Erfahi'ung begründet ist, sondern in 
der Gesammtheit der biologischen Erscheinungen , in dem 
Causal-Nexus der Entwickelungl Wie steht es also mit den 
von ViBCHOw verlangten neuen Beweisen der Descendenz-Theorie? 



IL Sichere Beweise der Abstammnngslelire. 

Alle allgemeinen Erscheinungen der Morphologie und Physio- 
logie, der Chorologie und Oekologie, der Ontogenie und Palae- 
ontologie, sie alle sind nur durch die Descendenz-Theorie zu er- 
klären und auf einfache mechanische Ursachen zurück- * 
zuführen. Gerade darin, dass die letzten einfachen Ursachen 
für alle diese verwickelten Erscheinungs-Massen gemeinsam sind, 
dass andere mechanische Ursachen nicht dafür denkbar sind, gerade 
darin liegt für uns die Gewähr ihrer Sicherheit. Desshalb sind 
alle jene grossartigen und mannigfaltigen Thatsachen - Complexe 
ebenso viele ;,Beweise der Abstammungslehre^. Dieses funda- 
mentale Verhältniss ist schon so oft auseinander gesetzt worden, 
dass ich hier nicht weiter dabei zu verweilen brauche ; wer eine 
nähere Erörterung darüber wünscht, vergleiche meine generelle 
Morphologie (Bd. n, Cap. XIX) oder die natürliche Schöpfungs- 
geschichte (6. Auflage, 1875, XXTV. Vortrag) oder die Anthro- 
pogenie (3. Aufl., 1877, V. Vortrag). 

Wo sollen also noch weitere Beweise für die Wahr- 
heit der Descendenz-Theorie gefunden werden? We- 
der ViRCHOw noch einer der clericalen Gegner und der dualisti- 
schen Philosophen, die immerfort diesen Ruf nach ;, sicheren Be- 
weisen^ wiederholen, giebt irgendwo an, wo möglicherweise noch 
solche Beweise zu suchen wären? Wo sollen wir in aller Welt 
noch irgend welche ;,Thatsachen^ auffinden, die lauter und 
deutlicher für die Wahrheit des Transformismus sprächen, als die 
Thatsachen der vergleichenden Morphologie und Physiologie, 



16 



alä (üe Thatsacheii der rudimeDtäi-eii Organe und der embryo- 
nalen Entwickelung, als die That Sachen der Versteineruugslehre 
und der geographisclien Verbreitimg der Organismen — kurz als 
die sämmtlichen bekannten Thatsachen der verschiedensten 
biologischen Gebiete? 

Doch ich irre mich, die ..sicheren Thatsachen'*, die 
ViKCHOw zum „vollen Bewusstsein des Beweises" ver- 
langt, soll das „Experiment" liefern, den „Versuch als das 
höchste Beweismittel"! (8. 24). Diese Forderung, die Ab- 
stammungslehre durch den Vei-such empirisch zu begründen, ist 
so verkehrt und zeugt von solcher Uubekanntschaft mit dem 
eigentlichen Wesen unserer Theorie, dass wir uns zwar nie ge- 
wundert haben, sie von unwissenden Laien stets wiederholen zu 
hören, dass sie uns aber im Mimde eines Viecsow wirklich über- 
rascht hat. Was soll denn hier überhaupt durch den Versuch 
bewiesen werden. Was kann hier das Experiment beweisen? 

DieVeränderlichkeit der Art, die Transformation der 
Species, der Uebergang einer Art in eine oder mehrere iieae 
Arten! lautet die Antwort. Nun, soweit diese Thatsache über- 
haupt durch das Experiment bewiesen werden kann, ist sie längst 
in umfassendster Weise wirkhch experimentell bemesen worden, 
Denn was sind die zahllosen Versuche der künstlichen ZUch- 
tung, die der Mensch seit Jahrtausenden bei der Zucht der 
Hausthiere und Cultur-Pflanzen ausgeübt hat. Anders, als physio- 
logische Exijerimente welche die Transformation der Species be- 
weisen? Als Beispiel erinnern wir nur an die verschiedenen 
Rassen der Pferde imd Tauben. Die flüchtigen Rennpferde und 
die schweren Lastpferde, die eleganten Wagenpferde imd die 
plumpen Karrenpferde, die riesigen Brauerpferde und die zwerg- 
haften Ponies ; diese und viele andere „Rassen" sind so sehr von 
einander verschieden, dass wir sie, wild aufgefunden, sicher als 
ganz verscliiedene Arten einer Gattimg, oder selbst als Veilreter 
verschiedener Gattungen beschreiben würden. Unzweifelhaft sind 
alle diese sogenannten „Rassen" und „Spielarten" des Pferdes 
in viel höherem Maasse von einander verschieden, als das Zebra, 



17 



das Quagga, das Bergpferd und die anderen wilden Pferde-Arten, 
die jeder Zoologe als ^^bonae species^ unterscheidet. Und doch 
stammen alle jene verschiedenen ^künstlichen Arten", die der 
Mensch durch seine künstliche Zuchtwahl erzeugt hat, von einer 
einzigen gemeinsamen Stammform, von einer wilden ^^guten Art" 
ab. Dasselbe gilt von den zahlreichen und höchst mannigfaltigen 
;, Arten" der Haustaube: Hoftaube und Botentaube, Strupptaube 
und Kropftaube, Pfauentaube und Eulentaube, Burzeltaube und 
Blasstaube, Trommeltaube und Lachtaube u. s. w., sie alle sind, 
wie Darwin überzeugend den Beweis geführt hat, Abkömmlinge 
von einer einzigen wilden Art, der Felstaube (Coluniba livia). Und 
wie ungemein verschieden sind sie nicht allein in der allgemeinen 
Gestalt, Grösse und Färbung, sondern auch in der besonderen 
Form des Schädels, des Schnabels, der Füsse u. s. w. ! Sie unter- 
scheiden sich in jeder Beziehung viel mehr von einander, als 
die zahlreichen wilden Tauben -Arten, die im System der Vögel 
allgemein als ;,gute Arten" und sogar als ;,gute Gattungen" unter- 
schieden werden. Dasselbe gilt von den verschiedenen ;,künst- 
lichen Arten" oder Rassen der Aepfel, Birnen, Stiefmütterchen, 
Dahlien u. s. w., kurz von den allermeisten domesticirten Thier- 
und Pflanzen-Arten. 

Besonders wollen wir dabei betonen, dass diese ^^künstlichen 
Species", welche der Mensch durch den künstlichen Züchtungs- 
Versuch, durch das Transformations-Experiment aus einer 
Species erzeugt oder ;, erschaffen" hat, sowohl in physiologischer 
als in morphologischer Beziehung sich weit mehr von einander 
unterscheiden als die ^natürüchen Species" im wilden Zustande. 
Bei diesen letzteren ist selbstverständlich der Nachweis gemein- 
samer Abstammung durch den Versuch ganz unmöglich. 
Denn sobald wir irgend eine wüde Thier- oder Pflanzen- Art einem 
solchen Versuche unterwerfen wollten, so würden wir sie eben 
dadurch den Bedingungen der künstlichen Züchtung unterwerfen. 

Dass der morphologische Begriff der Species kein abso- 
luter, sondern nur ein relativer Begriff ist, dass er keinen 
andern absoluten Werth hat, als die ähnlichen Systems-Kategorien 

Haeckel, Freie Wissenschaft. o 



18 



der Spielart, Rasse, Gattung, Familie, Classe, das gibt heutzutage 
jeder Systematiker zu, der ehrlieli und unbefangen die Praxis der 

systematischen Species- Unterscheidimg beurtheilt. Die Willkür 
auf diesem Gebiete kemit — der Natur der Sache nach — keiue 
Grenzen, und es gibt niclit zwei Systematiker, die in aüen Fällen 
darüber einig wären, welche Fonnen als ,gute Arten" zu unter- 
scheiden seien, welche nicht. (Vergl. darüber Natürl. Schöpfungs- 
gescliichte 6. Aufl. S. 246). Der Begriff der Art oder Speciea 
hat in Jedem kleinei'en und grösseren Gebiete der systematischen 
Zoologie und Botanik eine verschiedene Geltung, 

Ebenso wenig aber hat der Species-Begriff auch irgend einen 
bestimmten physiologischen Werth. In dieser Beziehung 
müssen wir ganz besonders betonen, dass auch die Frage von 
der Bastardzeugung, der letzte Zuflucbts -Winkel aller Ver- 
theidiger der Species -Constanz, gegenwärtig jede Bedeutung für 
den Art-BegrifF verloren hat. Denn wir wissen jetzt durch zahl- 
reiche und sichere Erfahrungen und Experimente, erstens, dass 
zwei verschiedene ,gute Arten" sich geschlechtlich vermischen 
und fruchtbare Bastarde erzeugen können (Hase und Kanin- 
chen, Löwe und Tiger, \iele verschiedene Arten der Karpfen- und 
Forellen-Gattungen, der Weiden imd Brombeeren u. s. w.). Ebenso 
sicher steht zweitens auch die Thatsache fest, dass Abkömmlinge 
von einer und derselben Art, die nach dem Dogma der früheren 
Schule stets fruchtbare Verbindung eingehen können, unter ge- 
wissen Verhältnissen sich entweder überhaupt nicht mit einander 
geschlechtlich verbinden, oder nur unfruchtbare Bastarde er- 
zeugen (Portosanto - Kaninchen , verschiedene Rassen der Pferde, 
Hunde, Rosen, Hyacinthen u. s. w.). (Vergl. Natürl. Schöpfungsg. 
6. Aufl. S. 245). 

Für den „sicheren Beweis", dass der Species-Begriff auf 
suhjectiver Abstraction beruht uud bloss relative Geltung hat, 
gleich dem Begriff des Genus, der Familie, Onlnung, Klasse u. s. w-, 
ist kerne Thierklasse so werthvoll wie diejenige der Schwämme 
oder Spongien. Denn hier schwankt die flüssige Form in einer 
beispiellosen Unbestimmtheit und Veränderhchkeit hin und her. 




^^ noc 



19 



welche .jede Species- Unterscheidung geradezu iilusoriscli macht. 
Schon Oscar Schmidt hatte das an den Ivieselschwämmen und 
[omschwämmen gezeigt. Ich habe in meiner dreibändigen Mono- 
;ie der Kalks chwamme (1872), einem Producte fünf- 
jähriger genauester Durchforschung dieser kleinen Thiergruppe, 
nachgewiesen, dass man hier je nach Belieben 3 oder 21 oder 
111 oder 289 oder 591 Species unterscheiden könne. Ausserdem 
glaube ich dabei auch überzeugend dargethan zu haben, wie alle 
,' diese verschiedene Formen der Cakispongieu sich ohne jeden 
Zwang ganz natörlieh von einer einzigen gemeinsamen Stamm- 
forra, dem einfachen — nicht hypothetischen, sondern heute noch 
Wirklich existirenden — Ol^nt/ius, ableiten lassen. Somit glaube 
liier den sicheren analytischen Beweis von der 
nsformation der Species, von der einheitlichen Abstam- 
mung aller Arten einer Thiergruppe, so weit geliefert zu haben, 
als es überhaupt möglich ist. 

Eigentlich könnte ich mir diese Erörterungen über die Species- 
'rage hier ersparen. Denn Vischow geht auf diese Hauptfrage 
■der Descendenz - Theorie — und das ist höchst characteristisch 
für seinen Standpunkt — überhaupt nicht ein. So wenig er aber 
die Lehre von der Transformation irgend eingehend behandelt, 
80 wenig lasst er sich überhaupt auf die Widerlegung irgend eines 
anderen der „sicheren Beweise" ein, die wir heute filr die Ab- 
stammungslehre in der That besitzen. Weder die morphologischen 
noch die physiologischen Beweisgründe der Descendenz-Theorie, 
■eder die rudimentären Organe noch die Embryonal -Formen, 
sder die paläontologischen noch die chorologischen Argumente 
werden h"gendwie näher erörtert und auf ihren Werth oder Un- 
werth als ^sichere Beweise" geprüft. Vielmehr macht es sich 
ViECHOw damit sehr bequem, schiebt sie alle bei Seite und ver- 
ichert, dass „sichere Beweise" füx- die Abstammungslehre nicht 
irhanden sind, sondern erst gefunden werden müssen. Wo sie 
len sind, gibt er freilich nicht an, und kann es nicht an- 
iben. 

Wie ist dieses sonderbare Verfahren zu erklären? Wie ist 



es möglich, dass ein berühmter Naturforscher den wichtigsten 

Fortschritt der neueren Natiirw'issenschaft, die epochemachende 
Abstammungslehre, fortwährend bekämpft, ohne irgendwie auf die- 
selbe sachhch einzugehen, ohne auch nur eines ilurer gewichtigen 
Beweismittel wirkhch zu prüfen und zu widerlegen? Auf diese 
Frage giebt es nur eine Autwort: Vikchow ist mit der heutigen 
Entwickelungstehre überhaupt nicht näher bekannt und besitzt 
nicht jene naturwissenschaftlichen Kenntnisse, die zu ihrer grüiid- 
hchen Beurtheilung imentbehrlicb sind. 

Nachdem ich wiederholt und sorgfältig Alles gelesen, was 
VmcHow seit Jahren gegen die Eutwickelungslehre gescluieben 
hat, bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, dass er weder 
Darwin's Hauptwerk von der Entstehung der Arten (1859) noch 
irgend eine der anderen Schriften Darwin's, noch irgend ein 
anderes Werk über die Descendenz- Theorie gründlich gelesen 
und mit derjenigen Aufmerksamkeit durchdacht hat, welche der 
schwierige und verwickelte Gegenstand durchaus erfordert. 
VmcHOw hat es mit diesen Schriften so wie mit vielen anderen 
nach seiner bekannten Gewohnheit gemacht, sie flüchtig durch- 
blättert, einige Schlagwörter daraus aufgegriffen, und nun ohne 
Weiteres darüber Reden gehalten, und was das Schhmmste ist, 
diese Eeden durch den Druck verewigt. Welche schhmmen 
Früchte diese gefährhche Gewohnheit trägt, lehrt die bekannte 
„Simplicissimus''-Affaü'e, welche Fkiedeich Zoellxee in seinen 
„Principien einer electrodynamischen Theorie der Materie'' kritisch 
beleuchtet hat. 

Zur Entschiüdigung dieses Verfahrens, und zur Erklärung 
von ViRCHOw's rathselhafter Stellung im Kampfe um den Trans- 
formismus, muss man bedenken, welche Wandlungen dieser hoch- 
begabte und verdienstvolle Mann im Laufe der letzten 30 Jahre 
durchgemacht bat. Der bedeutendste und fruchtbarste Abschnitt 
seines Lebens und seiner Thatigkeit bleibt unstreitig dei- acht- 
jähiige Aufenthalt m Würzburg, von 1848—1856. Dort ent- 
wickelte ViRCHow mit der ganzen Schärfe seines jugendlichen 
Geistes, mit der heiligen Begeisterung für die wissenschaftliche 



21 



Walirheit, mit unenuüiilicher Arbeitskraft und seltenem Scliarf- 
ßinn. jene grossartige Refonn der wissenschaftlichen Medicin, die 
ihn für alle Zeiten in der Geschiclite der letzteren als einen 
Stern erster Grösse glänzen lassen ivird. Dort in Wilrzbnrg gab 
TiHCHOW jene umfassende Ajiwendiing der Zellentheorie auf die 
Pathologie, die in dem Gedanken gipfelt, dass die Zelle ein 
Belbststandiger, beseelter Elementar-Organismus , und dass unser 
menschlicher Organismus, gleich dem aller höheren Thiere, bloss 
ein Zellenstaat ist — ein höchst fruchtbarer Gnmdgedanke, 
den Vntcaow jetzt ebenso verlaugnet, als er ihn damals muthvoll 
vertrat. Dort in Würzburg sass ich vor 25 Jahren andachtsvoQ 
zu seinen Füssen und vernahm zuerst von ihm mit Entlmsiasmus 
jene klare und einfache Lehre von der Mechanik aller 
Lebensthätigkeit, — eine wahrhaft monistische Lehre, welche 
VmcHow heute ebenso unzweifelhaft bekämpft, wie er sie damals 
vertheidigte. Dort in Würzburg endlich schrieb er jene unver- 
gleichlichen kritischen und historischen Leitartikel, welche die 
Zierde der ersten zehn Jahrgange seines Archivs für pathologische 
Anatomie bilden. Alles, was Virchow an grossen und bahn- 
brechenden Reformen in der Medicin leistete, und wodurch er 
sich unvergänghche Verdienste um die wissenschaftliche Heil- 
Jiunde erwarb , Alles das wurde in Würzburg entweder aus- 
geführt oder doch vorbereitet; und selbst die berühmte „Cellular- 
Patliologie" — Vorlesungen, die er Vit Jahr nach seinem Ab- 
gange von Würzburg in BerUn hielt — selbst diese enthält nur 
eine Sammlung von den gereiften Früchten, deren Blüthen Würz- 
burg angehören. 

Im Herbste 1856 verliess Vibchow Würzburg. um nach 
Berlin überzusiedeln. Die Vertauschung des engeren Wirkungs- 
kreises mit dem weiteren, der geringeren Hilfsmittel mit den 
grössereu, erwies sich hier, wie so oft in ähnlichen Fällen, nicht 
günstig. Alle die wissenschaftlichen Resultate, die Virchow seit- 
dem in Berlin, in einem ^grossen Institute", mit luxuriösen Hülfa- 
mitteln, noch für die Wissenschaft zu Tage gefördert hat, sind 
weder quaUtativ noch quantitativ mit den grossartigen und un- 



22 



sterblichen Leistungen zu vergleichen, die derselbe in dem kleineu 
Institute von Würzburg, mit den dürftigsten Hülfsmittelu zu Stande 
gebracht hatte. Ein neuer Beweis für den von mir aufgestellten 
und bis jetzt nicht widerlegten Satz, dass „die wissenschaftlichen 
Leistungen der Institute in umgekehrtem Verhältnisse zu ihrer 
Grösse stehen". (Vergl. meine „Ziele und Wege der heutigen 
Entwickelungsgeschichte" , Jen. Zeitschr, für Naturw. 1875. 
Bd. X. Supplem.) 

Viel wichtiger noch wiu'de der Umstand, dass Viechow seit 
seiner Uebersiedelung nach Berlin die theoretisch-wissenschaftliche 
Thätigkeit mehr und mehr mit der practisch-poUtischen vertauschte. 
Es ist allbekannt, welche hervorragende Rolle er daselbst bald in 
der preussischen Volks-Vertretung spielte, wie er sich zum Führer 
der Fortschrittspartei emporschwang und, um dieser politischen 



ch an der Gemeinde-Ver- 
3 Stadtverordneter 
nen Sorgen und Geschäften 



Stellung eine breite Basis zu g 
tretung der Hauptstadt betheiligte; wi 
den thatigsten Antheil an allen den klei 
nahm, welche die Verwaltung einer Stadt wie Berlin mit sich 
bringt. Ich bin weit davon entfernt, diese politische und commu- 
nale Thätigkeit Vischow's, der er unermüdlich seine besten 
Kräfte widmete, zu tadeln, wie es von vielen andern Seiten ge- 
schieht. Wenn Jemand Neigung und Beruf, Kraft und Talent 
genug in sich fühlt, eine bedeutende politische RoUe zu spielen, 
so mag er es thun. Ich beneide ihn wahrlich nicht dämm; denn 
selbst die Befriedigung, welche die erfolgreichste und gelungenste 
politische Thätigkeit gewährt, ist nach meinem Geschmacke nicht 
zu vergleichen mit jener reinen und selbstlosen Geistesfreude, 
welche die Versenkung m schwierige und anstrengende wissen- 
schaftliche Arbeiten gewährt. Im Gewühle des politischen imd 
socialen Kampfes wird seihst die glänzendste Bürgerlcrone von 
jenem unerquickhchen Staube des practischen Lebens bedeckt, 
welcher niemals in die Äether-Höben der reinen Wissenschaft 
emporsteigt und auf dem Lorber des denkenden Forschers keinen 
Platz findet. Aber wie gesagt, das ist Geschmackssache. Wenn 
Viechow wirklich glaubt, der Menschheit grössere Dienste durch 




23 



' -seine practiach-politisehe Thätigkeit in Berlin za leisten, als früher 
durcli seine theoretiseh-wissenschafüiclie in Würzburg, so ist das 
seine Sache. Jedenfalls war er in lebrterer unersetzlich und un- 
Tcrgleichlich, in ersterer dagegen nicht. 

IWenn ein hervorragender Mann, sei er noch so sehr aus- 
gezeichnet durch ungewöhnliche Arbeitskraft und umfassendes 
Talent , den ganzen Tag mit aufreibenden politischen Partei- 
Kämpfen verbringt, und daneben noch in all' den kleinen und 
unerquicklichen Ifram des taglichen communalen Lehenw hinab- 
steigt, dann ist es unmöglich für ihn, die nothwendige Fühlung 
mit den Fortschritten der Wissenschaft zu behalten; zumal wenn 
letztere so mftchtig imd unaufhaltsam fortschreitet, wie es in 
unseren Tagen der Fall ist. So wird es begreiflich, wie VracHOw 
jene Fühlung bald verlor und im Laufe dieser heiden Decennien 
der Wissenschaft mehr und mehr entfremdet wurde. Und diese 
Entfremdung führte zuletzt zu einer so vollständigen Wandlung 
der wichtigsten Gmndanschauimgen , zu einer solchen Meta- 
psychose, dass der heutige VmcHow von 1878 den jugend- 
Uchen Vikchow von 1848 kaum mehr zu verstehen im Stande ist 
Eine ähnliche Seelen-Wandlung haben wir gleichzeitig an einem 
unserer grössten Naturforscher, an Cakl Ernst v. Bäer erlebt. 
Auch dieser geniale und tiefdenkende Biologe, dessen Name eine 
neue Epoche in der Entwickelungsgeschichte bezeichnet, war im 
Alter vollständig unfähig geworden, die wichtigsten Probleme 
seiner bahnbrechenden Jugend-Arbeiten zu verstehen. Wflhrend er 
in den letzteren die werthvoUsten Grundlagen fUr unsere heutige 
Entwickelimgslehre vorbereitete, wahrend er sogar nahe daran 
war, den Transformismus in sein System aufzunehmen, ver- 
laugnete er spater denselben vollständig und zeigte durch seine 
Schriften Ober den Darwinismus, dass er überhaupt nicht mehr 
im Stande war, diese schwierigen Probleme zu bemeistem. Da 
ich zu den wärmsten Verehrern Bäeu's gehöre und in meiner 
Anthropogenie (Cap. III), wie in der Schöpfungsgeschichte a. a, 
a. 0. dieser aufrichtigen Hochschatzung den beredtesten Aus- 
druck gegeben habe, glaubte ich es unterlassen zu dürfen, jenen 



Zwiespalt zwischen den klaren monistischen Priiicipien des .jungen 
Baer und den unklaren duahstischen Anschaunngen des alten 
Bäbr hervorzuheben. Da aber viele Gegner des Darwinismus ■-- 
und unter diesen namentlich der altkatholische Münchener Philo- 
soph HuBEK, in einer Reihe von Artikeln der Äugsburger Allge- 
meinen Zeitung — aus dem harmlosen Geplauder des alters- 
schv^achen Baer fortwährend Capital gegen den Transformismus 
schlagen , so will ich hier doch ausdrücklich darauf hinweisen, 
dass diese dualistischen Plaudereien des Greises nicht im Stande 
sind, die monistischen Principien des jugendliraftigen und bahn- 
brechenden Kämpfers zu erschüttern und Lügen zu strafen. 

Die Erklärung des aufl'allenden Widerspruclis gibt uns Basb 
in seiner Selbstbiographie. Im Jahre 1834 verhess er vollständig 
und für immer das Gebiet der Entwickelungsgeschichte, 
auf dem er 20 Jahre lang unablässig gearbeitet und die 
glänzendsten Lorbern geerntet hatte. Um den aufreibenden und 
schlafrauhenden Ideen (ler mächtigen, ihn ganz ab.sorbirendeQ 
Wissenschaft zu entgehen , flüchtete er von Königsberg nadi 
Petersburg und beschäftigte sich seitdem mit gänzlich verschiedenen 
wissenschaftlichen Untersuchungen. Seitdem verflossen 25 lange 
Jahre, und als 1859 Daewin's Werk erschien, war Baek längst 
viel zu sehr metapsychosirt, um dasselbe verstehen zu können. 
Bei Baee, wie bei Virchow, ist der Verlauf dieser merliwürdigen 
Metapsyehose höchst lehrreich und wird für den denkenden Psy- 
chologen sich selbst zu einem interessanten Beweise der Ent- 
wickelungslehre gestalten. 

Uebrigens ist der Mangel an Verständniss für unsere beutige 
Entwickelungslehre bei Viechow desshalb noch leichter zu er- 
klären, als bei Baeb, weil ersterem die morphologischen Kenntnisse 
grösstentheils fehlen, welche der letztere in so reichem Masse 
besass. Nun ist aber gerade die Morphologie dasjenige Ge- 
biet der Forschung, auf welchem unsere Descendenz-Theorie die 
tiefsten Wurzeln ihrer Kraft besitzt und die glänzendsten Früchte 
der Erkenntniss gereift hat. Die organische Formenlehre oder 
Morphologie ist desshalb in höherem Maasse als die meisten 



25 

anderen Wissenschaften an der Abstammnngslehre interessirt weil 
sie durch letztere erst wirklich zur Erkenntniss der bewirkenden 
Ursachen gelangt, und von der niederen Stufe einer beschrei- 
benden Formenkunde zu dem höheren Range einer erkennen- 
den Formen-Wissenschaft sich erhebt. Zwar hatte schon seit 
Beginn dieses Jahrhunderts der umfassendste Zweig der Morpho- 
logie, die von Cttvisr begründete und von Johannes Müller 
reich entwickelte vergleichende Anatomie, den ersten Grund 
zum Ausbau einer wahrhaft philosophischen Formen-Eikenntniss 
gelegt. Die Unmasse von manichfaltigem empirischen Material, 
welches die beschreibende Systematik und die zergliedernde 
Zöotomie seit LisKk und Pallas zusammengetragen hatte, war 
von den synthetischen Principien der vergleichenden Anatomie 
schon reichlich befiruchtet und vielfach philosophisch verwerthet 
worden. Aber sdbst die wichtigsten allgemeinen Organisations- 
Gesetze, zu denen die altere vergleichende Anatomie gelangte, 
mussten noch zu mystischen ^^Bauplänen^, zu schöpferischen End- 
ursachen (Causae finales) ihre Zuflucht nehmen; sie vermochten 
nicht zu einer wahren und klaren Erkenntniss der bewirkenden 
mechanischen Ursachen (Causae efificientes) durchzudringen. Diese 
letztere schwierigste und grösste Aufgabe löste erst 1859 Chaeles 
Dabwin, indem er durch seine Selections-Theorie der 50 Jahre 
älteren LAMABCK'schen Descendenz-Theorie den festen Boden gab. 
Dadurch erst wurde es möglich, die reiche , inzwischen angesam- 
melte Masse empirischen Formen-W i s s e n s durch das Descendenz- 
Princip zu dem erhabenen Bau einer mechanischen Formen- 
Wissenschaft zusammenzufügen. (Vergl. meine ^^Generelle 
Morphologie'', Bd. I, Cap. IV.) 

Den unermesslichen Fortschritt, welchen Dabwin hierdurch 
in der organischen Morphologie herbeiführte, kann nur Derjenige 
vollkommen würdigen, der gleich mir in der Schule der älteren 
teleologischen Morphologie erzogen wurde, und dem nun durch 
die Selections-Theorie mit einem Male die Augen über das grösste 
aller biologischen Räthsel, über die Schöpfung der organischen 
Artformen geöfl&iet ¥nirden. Der Creatismus, das Schöpfungs- 



Dogma, die mystische und dualistische Lehre von der isoUrten 
Schöpfung der einzelnen Arten, war nun mit einem Schlage ver- 
nichtet. An seine Stelle trat für immer der Transformismus, 
die mechanistische und monistische Lehre von der Umbildung der 
organischen Formen, von der Abstammung aller Arten einer 
natürlichen Klasse von gemeinsamen Stammformen. Welche voll- 
ständige Umwandlung die mechanische Formen-Wissenschaft da- 
durch erleiden muss, habe ich in meiner „Generellen Morphologie 
der Organismen*" (1866) zu zeigen versucht. Wer sich aber klar 
überzeugen will, welcher ungeheure Umschwung dadurch iiament- 
hcb in der vergleichenden Anatomie herbeigeführt wurde, der 
vergleiche mit den alteren Lehrbüchern dieser Wissenschaft die 
classischen „Grundzüge der vergleichenden Anatomie" von Cäbl 
Gbgenbäur (1870) und die neueste Auflage seines „Grundrisses" 
(1878). 

Von allen diesen unennesslicben Fortschritteu der Morpho- 
logie hat ViECHOw gar keine Ahnung, wie ihm von jeher dieses 
Gebiet überhaupt fern lag. Seme gi'ossen Reformen der Patho- 
logie wurzeln im Gebiete der Physiologie, und ganz besonders 
der „Celluiar-Physiologie". Nun sind aber in den letzten 20 Jah- 
ren diese beiden Hauptzweige biologischer Forschung melu- und 
mehr auseinander gegangen. Der grosse Johannes Müller war 
der letzte Biologe, der das Gesammtgebiet organischer Natur- 
forschung zusammenzuhalten vermochte und der in beiden Hälf- 
ten desselben gleich unsterbliche Verdienste sich erwarb. Nach 
dem Tode MtlLLEii's (1858) fielen beide Hälften auseinander. 
Die Physiologie, als besondere Wissenschaft von den Functionen 
oder Lebensthätigkeiten der Organismen, wandte sich mehr und 
mehr der exacten und esperimentelleu Methode zu. Die Mori)ho- 
logie hingegen, als Wissenschaft von den Formen und Gestal- 
tungen der Thiere und Pflanzen, konnte von dieser Methode 
naturgemäss nur sehr wenig Gebrauch machen ; sie musate mehr 
und mehr zur Entwickelungsgeschichte ihre ZuHucht nehmen, und 
gestaltete sich so zu einer historischen Naturwissenschaft. 
Gerade auf diese histoiische und genetische Methode der Morpho- 



27 



logie, im G^^isatze zur exacten und e^^mmentdlen Mediode 
der Physiologie, habe ich in meiner Mönchener Bede das Haupt- 
gewicht gelegt Wenn Yibchow in seiner Gegenrede die letztere 
wirklich eingdiend widert^, statt sie mit Phrasen and Daiim- 
ciationen bekänqift hatte, so wäre gerade dieser pnsMÖpkSe Gegen- 
satz einer eingdioidai Erörterong wohl werth gewesen. 

Indessen will ich Yibchow Uerüber des&halb keine Vorwürfe 
machen, weil er ganz in den einseitigen Anschanongai der heu- 
tigen Schul -Physiologie befimgoi ist, und weil ihm d)en die 
Morphologie Yiel zu fem li^, als dass er über ihre Zieste und 
Wege ein sdbststindiges Urtlieil haben könnte. Wenn er trotz- 
dem bei jeder Gd^enheit darüber ein absprechendes Unheil 
fällt, so müssen wir seine Competenz dazu b e büül en. Er 
druckt zwar in sein^ Müncfaener Bede mit gesperrter Schrift den 
Satz: ^^Das, was mich ziert, ist eben die Kenntniss meiner 
Unwissenheit^ Allein ich bedanre, dass ich gerade diese 
Zierde ihm entschieden absprechen muss. Yibchow weiss nicht, 
wie unwissend er in der Morphologie ist. Sonst würde 
er nicht j^ie vernichtenden Urtheile über dieselbe gefiült haben. 
Sonst würde ear nicht fortwährend die Beschäftigung mit der 
Descendenz-Theorie als ^Lid)haberei^ und ^Träumerei^ bezeich- 
nen, als ;,beliebige persönliche Speculation, wdche sich jetzt auf 
vielen 66bi^;en d^ Naturwissenschaft breit macht^. In der That 
thut mir Yibchow zu viel Ehre an, wenn er das als meine 
^^persönliche Liebhaberei^ bezeichnet, was seit mehr als einem De- 
cennium das werthrollste Gemeingut der morphologischen Wissen- 
schaft geworden ist. Wenn Vibchow mit der morphologischen 
Literatur nicht so unbekannt wäre, so müsste er wissen, dass 
dieselbe vom Descendenz-Prindp bereits yöllig durchdrungen ist; 
dass jede morphologische Arbeit, die ihre Aufgabe planvoll und 
zidbewusst verfolgt, die Abstammungslehre jetzt selbstverständlich 
als unentbehrlich voraussetzt. Alles das ist ihm unbekannt, 
und so wird es begreiflich, wie er immer ;,sichere Beweise^ für 
die letztere verlangt, obwohl diese Beweise längst geliefert sind. 



in. Schädeltheorie und Affentheorie. 

Indem Virchow die Descendenz-Theorie fortwähreiid als eine 
„unbewiesene Hypothese" behandelt, indem er alle die gewichtigen 
Beweisgründe derselben ignorirt, entzieht er sich selbst das Recht, 
in dieser wichtigsten wissenschaftlichen Streitfrage der Gegen- 
wart ein entscheidendes Wort mitzusprechen, Virchow ist in 
der That in der Transformismus-Frage incompetent, denn es 
fehlt ihm der grösste Theil der Kenntnisse und iiamentüeh der 
morphologischen Kenntnisse, die zu ihrer Beurtheilung unentbehr- 
lich smd. Üeber den Angelpunkt der ganzen Frage, über das 
Species-Problem kann er desshalb kein Urtheil haben, weil er 
niemals mit Systematik der Alten sich beschäftigt hat; die von 
ihm verlangten „üebergänge" einer Art m die andere sind alleut- ' 
halben reichlich vorhanden, wie Jedem Systematiker bekannt ist. 
Man denke z. B. nur an Euhus und Salix unter den lebenden 
Pflanzen der Gregenwart, an die Ammoniten und Brachiopoden unter 
den ausgestorbenen Thieren, Von der historischen Entwickelung 
der höheren Thiere aus niederen kann Viechow desshalb keine ■ 
selbstständige Anschauung besitzen, weil ihm das reiche Lebens- 
gebiet der niederen Thiere fast ganz unbekannt ist und weil er 
von den erstaunlichen Fortschritten, die Hunderte von fleissigen 
Arbeitern gerade hier in den letzten beiden Decennien herbei- 
geführt haben, gar keine Vorstellung besitzt. Es kann aber 
keinem Zweifel unterliegen und ist auch sonst allgemein an- 
erkannt, dass gerade die vergleichende Anatomie und Entwieke- 
r niederen, ja der niedersten Thiere die 



H von 



grössteii Räthsel des Lebens gelöst und die aehwierigsteo Hinder- 
nisse der Abstammungslehre aus dem Wege geräumt bat. Dass 
echte Moneren esisüren und bereits von vielen verschiedenen 
Beobachtern als structurlose „Organismen ohne Organe" 
sicher bestätigt worden sind, das igaorirt er einfach und ver- 
setzt dabei dem armen Bathybius einen Fusstritt. Und doch 
glaube ich (im „Kosmos", Bd. I, S. 293) hinreichend bewiesen zu 
haben, wie die Moneren ihi-e hohe principieile Bedeutung behalten, 
gleichviel ob der Bathybius existirt oder nicht. 

Aber selbst im Gebiete der höheren Thiere, selbst in der 
vergleichenden Anatomie der höchsten, dem Menschen nftchst 
stehenden Thiere, der Affen, steht Viechow den Anschauungen 
der heutigen Morphologie ganz fremd und verständnisslos gegen- 
über. Wir müssen hier desshalb darauf naher eingehen, weil 
gerade auf diesem Gebiete sich die einzigen morphologischen Ver- 
suche VmcHow's bewegen, seine Untersuchungen über den Menschen- 
schädel uud Affenschadel. Gerade hier ist der einzige Punkt, in 
dem er eine nähere Bekanntschaft mit der Morphologie gesucht 
hat. Gerade hier zeigt sich auf das Einleuchtendste, wie wenig 
er mit den neueren Fortschritten unserer Wissenschaft bekannt 
ist, und wie er von der ausserordentlichen Bedeutung der De- 
acendenz-Theorie für dieselbe gar keine Vorstellung hat. 

Die Schädellehre ist bekanntlich seit langer Zeit ein be- 
■vorzugtes Lieblingsthema nicht allein hervorragender Naturforscher, 
sondern auch geistreicher Dilettanten gewesen. Unzweifelhaft kann 

Schädel, als die knöcherne Kapsel, welche unniittelbai' unser 
''^wichtigstes Seelen-Organ, unser Gehirn umsclüiesst, ganz beson- 
deren Anspruch auf morphologische Bedeutung macheu. Denn 
die GesammtbUdung des Schädels entspricht im Grossen und 
Ganzen der Entwickelung des von ihm umschlossenen Ge- 
hirns, und die Inneotiäche des ersteren giebt annähernd eme 
Vorstellung von der Ausseofläche des letzteren. In diesen Er- 
wägungen liegt der einzige gesunde Kern der sonst krankhaft 
ausgewachsenen „Phrenologie". Die verschiedenartige Entwicke- 
lung des Schädels gestattet einen aimähemden Schluss auf die 



VCTSchiedene Entwickelungsstufe des Gehirns iiüd der Seelen- 
thätigkeit. Die vergleichende Betrachtimg des Schadeis der ver- 
schiedenen Wirbelthiere erregte daher schon zu Ende des vor^en 
Jahrhunderts, als die „vergleichende Anatomie" sich zu einer be- 
sonderen Wissenschaft zu gestalten begann, das lebhafte Inter- 
esse der Morphologen. Daran knüpfte sich weiterhin die genetische 
Frage nach der morphologischen Bedeutung und Entwicklung 
des Schädels, Kein geringerer als unser grösster Dichter war es, 
der (1790) diese Frage zuerst beantwortete und die Theorie auf- 
stellte, dass der Schädel nichts Anderes sei, als das umgebildete 
vorderste Ende der Wirbelsäule; dass die einzelnen Knochen- 
Gruppen, die am menschlichen und an jedem höheren Wirbelthier- 
Sehädel hintereinander liegen, einzelnen umgebildeten Wirbel- 
knochen entsprechen. Diese ,Wirbeltheorie des Schädels", die 
gleichzeitig und unabhängig von Goethe auch Oken zu begründen 
versuchte, erregte das allgemeinste Interesse und erhielt sich 
70 Jahre lang in allgemeiner Geltung, wenn auch viele Versuche 
gemacht wurden, sie im Einzelnen zu verbessern und auszu- 
bilden. 

Ein ganz neues Licht musste natüj'lich auf diese, wie auf 
alle andern morphologischen Fragen fallen, sobald uns Dakwik 
1859 aufs Neue die Fackel der Descendenz-Theorie in die Hand 
gegeben hatte. Die Frage nach der Entstehung des Schädels 
gewann jetzt eine reale, greifbare Gestalt. Da alle Wirbelthiere, 
vom Fische bis zum Menschen hinauf, in ihrem wesentlichen inne- 
ren Bau so sein: übereinstimmen, dass sie vernünftigerweise nur 
als Zweige eines Stammbaumes, als Abkömmlinge einer gemeto- 
samen Stammform aufgefasst werden können, so sprang jetzt für 
die Schädel- Theorie die bestimmt formuhrte Frage in den Vorder- 
grund: „Wie ist der Schädel des Menschen und der höheren 
Wirbelthiere aus demjenigen der niederen historisch entstanden? 
Wie ist die Entwickelung der Schädelknochen aus Wirbelknochen 
zu begründen?" Die Beantwortung dieser schwierigen Frage 
geschah in grossartiger, umfassender und genialer Weise durch 
den Ersten unter den vergleichenden Anatomen der Gegenwart, 




31 



[.durch Cabl Gegenbatjb. Nachdwn sdwn Hüxlky darauf hin- 

Mewiesen hatte, dass die Ontogenese oder die indiriduelle Ent- 

|Trickelung des Schädels nicht zu Gunsten der alteren Goethe- 

OsBN'sclien Schädel - Theorie spreche . führte Gegesbaür den 

Nachweis, dass zwai- der Grundgedanke der letrtereii richtig sei, 

dass der Schädel in der That einer Reihe verschmolzener Wirbel 

entspreche, dass aber nicht die einzelnen Schftdel-Knochen auf 

I Theile solcher umgebildeter Wirbel zu beziehen sind. Vielmehr 

sind die Schädel-Knochen der heute lebenden Wirbelthiere grossen- 

^ theils Deckknochen der äusseren Haut, welche erst nachträglich 

Kza dem knorpehgen Urschädel in nähere Beziehungen getreten 

rsind. Dieser Urschadel aber zeigt uns noch heute durch die 

I2ahl der an ihm befestigten „unteren Wirbelbogen" (Kieuien- 

Bjbogen), sowie durch die ZalJ und Vertheilung der Löcher, aus 

^welchen die Himnerven austreten, die Zald und Lage der (9 — 10) 

ünvirbel an, aus denen er ursprünglich entstanden ist. An- 

Inähenid haben die Form und Bildung dieses ursprünglichen Ur- 

l Schädels imter den heute noch lebenden Wirbelthieren am besten 

[ die Urfische oder Selachier bewahrt. Diese Selachier, die 

I Bochen und Haiäsche, sind es überhaupt, die das hellste Licht 

[.über die Stammesgeschichte der Wirbelthiere und über die Orga- 

BiMjisätion unserer altereu, fischartigen Vorfahren verbreiten. Es 

I gehört zu den besonderen Verdiensten von Gegenbaur, diese 

[ Stellung der Selachier , als der gemeinsamen Vorfahren aller 

^Wirbelthiere, von den Fischen aufwärts bis zum Menschen, fest 

md klar begründet zu haben. 

Nur wer selbst sich eingehend mit der vergleichenden Mor- 
' phologie der Wirbeltldere beschäftigt hat, wer selbst aus diesem 
Labyrinth von verwickelten morjjhologischen Problemen den ge- 
netischen Ausweg an der Hand der Descendenz-Theorie gesucht 
hat, kann das unvergleichliche Verdienst richtig schätzen, welches 
sich Gegenbauh durch diese und andere „Untersuchungen zur 
vergleichenden Anatomie der Wirbelthiere" erworben hat. Diese 
I Untersuchungen zeichnen sich ebenso durch gründliche Eenntniss 
[•nnd sorgfältige Durcharbeitung des ungemein umfangreichen 



32 

empirischen Materials aus, wie durch die kritische Sichtung und 
philosophische Verwerthung desselben. Sie stellen zugleich den 
tinermesslichen Werth in das hellste Lieht, welchen die Desceii- 
denz-Theorie für die causale Erklärung der schwierigsten mor- 
phologischen Probleme besitzt. Mit vollem Rechte konnte daher 
Gkgekbaük in der Einleitung zu seiner vergleichenden Anatomie 
den Satz aussprechen : ,An der vergleichenden Anatomie wird die 
Descendenz-Theorie zugleich einen Prüfstein finden. Bisher be- 
steht keine vergleichend-anatomische Erfahrung, die ihr wider- 
spräche; vielmehr führen uns aUe darauf hin. So wird jeue 
Theorie das von der Wissenschaft zurückenipfangen, was sie ihrer 
Methode gegeben hat: Klarheit und Sicherheit.''' lo der 
That wüssten wir keine morphologischen Untersuchungen hervor- 
zuheben, die diesen Satz besser begründeten, als gerade jene 
phylogenetischen Untersuchungen über „das Kopfskelet der Se- 
lachier, als Grundlage zur Beurtheilung der Genese des Kopf- 
Skelets der Wirbelthiere" (1872). 

Da ViECHow sich schon früher mit der älteren Schädel- 
Theorie eingehend beschäftigt und in seiner trefflichen Rede über 
„Goethe als Naturforscher" (1861) eine recht gute Darstellung 
derselben gegeben hatte, da er ferner zur normalen und patho- 
logischen Anatomie des Menschen-Schädels sehr werthvolle Bei- 
trage geliefert hatte, so hätte man erwarten dürfen, dass er die 
gewaltige Reform der Schädel- Theorie durch Gegenbatte, diese 
historische Lösung des Schädel-Problems, mit grüsstem Interesse 
aufgenommen und zur Richtschnur seiner weiteren Untersuchungen 
gemacht hätte. Allein vergeblich suchen wii' auch in den neue- 
sten Beiti'ägen Viechow's zur Kenntniss des Menschen-Schädels 
nach irgend einer Andeutung, dass er Gegenbätje's Untersuchungen 
kennt oder würdigt. Dagegen sehen wir ihn fortwährend ohne 
klar bewusstes Ziel auf jenem breitgetretenen und abgegangenen 
Pfade der Sehädeluntersuchung sich bewegen, der in der Schadel- 
messung oder Cranioraetrie das höchste Ziel der craniologisehen 
Wissenschaft erblickt. 

Wir sind weit entfernt, die hohe Bedeutung zu unterschätzen. 



33 

welche eine möglichst genaue und sorgfältige Beschreibung und 
Messung der verschiedenen Schädelformen, als empirische Grund* 
läge für die wirklich wissenschaftliche SchadeUehre. für die ver- 
gleichende und genetische Craniologie besitzt. Aber 
das müssen wir doch sagen, dass die Art und Weise, wie diese 
Schädelmesserei jetzt seit Jahrzehnten von zaldreichen •Cranio- 
logen*^ betrieben und als ^exacte'^ Morphologie des Schädels ge- 
priesen wird, entsprechende wissenschaftliche Resultate gar nicht 
liefern kann, vielmehr stark in das Gebiet harmloser Spielerei 
sich verirrt. Eine Masse Zeit und Arbeitskraft ist in den letzten 
zehn Jahren mit Streitigkeiten über die besten Methoden der 
Schädelmessung vergeudet worden, ohne dass die betreffenden 
Craniologen sich vorher die nächstliegende Hauptfrage beantwortet 
hätten, was sie denn eigentlich mit diesen speciellen Messun^'en 
erreichen wollen, welche Sätze sie damit beweisen wollen? Die 
Meisten von jenen zahlreichen Schädelmessem kennen weiter nichts 
als den ausgebildeten menschlichen Schädel oder höchstens den 
Schädel einiger anderer Säugethiere; hingegen ist ihnen die ver- 
gleichende Morphologie und Enti^ickelungsgeschichte des Schädels 
der niederen Wirbelthiere ganz unbekannt ; und doch enthält diese 
letztere allein den wahren Schlüssel für das Verständniss des 
ersteren. Ein einziger Monat, den jene ^exacten Craniometer^ 
auf das Studium von Gegenbaue's Schädel-Theorie und auf Prü- 
fung derselben am Selachier - Schädel verwendet hätten, würde 
ihnen mehr Früchte getragen und mehr Licht angezündet haben, 
als das jahrelange Beschreiben und Messen der verschiedensten 
menschlichen Schädel. 

Welche allgemeinen Resultate diese sogenannte ^^exacte'' 
Methode in der SchadeUehre zu Tage gefordert hat, davon gibt 
uns ViRCHOw selbst das schlagendste Beispiel. In seinem popu- 
lären Vortrage über ;,Menschen- und Affenschädel^ (1870) kommt 
er zuletzt zu dem merkwürdigen Satze: ;,Es liegt daher auf der 
Hand, dass durch eine fortschreitende Entwickelung des Affen 
nie ein Mensch entstehen kann.^ Jeder Transformist, der mit 
den betreffenden Thatsachen der vergleichenden Morphologie ver- 

H a e c k e 1 , Freie Wissenschaft. Q 



u 



traut ist, wird daraus den entgegengesetzten Schluss ziehen: „Es 
liegt daher auf der Hand , dass nur durch fortschreitende Ent- 
wickehing des Affen (-Organismus) der Mensch ursprünglich ent- 
stehen konnte." 

Wir treten hiermit an diejenige Frage heran, welche in der 
populären Behandlung der Entwiekelungslehre mit Recht als die 
wichtigste Schlussfolgerung derselben, und als die Krönung des 
transformistischen Lehrgebäudes beti'achtet wird, an den bekannten 
Satz: „Der Mensch stammt vom Affen ab," Indem wir 
alle die Entstellungen , Verdrehungen und Missdentungen , die 
diese Affenlehre oder Pithecoiden-Theorie vielfach erfahren hat, 
einfach igooriren, wollen wir unr bemerken, dass der Hauptsatz 
derselben im Sinne unserer lieutigen Entwiekelungslehre vernünf- 
tiger Weise nur den Sinn haben kann : Das Menschen-Geschlecht 
als Ganzes hat sich aus der Ordnung der Aft'en und zwar aus 
einer (oder vielleicht mehreren) langst ausgestorbenen Affen- 
Formen entwickelt; die nächsten Vorfahren des Menschen in der 
langen Reihe seiner Wirbelthier-Ahnen waren Affen oder doch 
affenartige Thiere. Selbstverständlich ist keine imter den heute 
noch lebenden Affenarten als unveränderter Nachkomme jener 
uralten Stammform zu betrachten. Indem auch VmcHow die 
„Affenfrage" in diesem Sinne auffasst, beantwortet er sie zugleich 
väe Bastian in einem entgegengesetzten Sinne. Mit gesperrtw 
Schrift verkiiiidet er: „Wir können nicht lehren, wir 
können es nicht als eine Errungenschaft der Wissen- 
schaft bezeichnen, dass der Mensch vom Affen oder 
von irgend einem andern Thiere abstamme." (S. 31.) 

Wenn ich in directeni Gegensatze dazu, und in Ueberein- 
stimmung mit fast allen zoologischen Fachgenossen , die „Ab- 
stammung des Menschen vom Affen" als eine der sichersten phylo- 
genetischen Hypothesen ansehe, so will ich docli gleich hier 
ausdrücklich hervorheben, dass die relative Sicherheit dieser, wie 
jeder anderen stamraesgeschichtlichen Hypothese nicht zu ver- 
gleichen ist mit der absoluten Sicherheit der allgemeinen Descen- 
denz-Theorie. Schon vor zehn Jahren, in der ersten Auflage 



3'. 

meiner ^Natürlichen Schöpfungssiescliichte'' fl868) habe ich in 
dieser Beziehunj; ausdrücklich bemerkt (S. 542): „Der Stamm- 
baum des Menschengeschlechts bleibt natürlich (gleich allen Stamm- 
bäumen der Thiere und Pflanzen") in allen seinen Einzelheiten nur 
eine mehr oder weniger annähernde j^enealogische Hypothese. Dies 
thut aber der Anwendung der Descendenz-Theorie auf den Menseben 
im Ganzen keinen Eintrag. Hier wie bei allen Untersuchungen 
über die Abstammung der Organi.'smen , müssen wir wohl unter- 
scheiden zwischen der senerelleo Descendenz-Theorie, und Mer 
speciellen Descendenz-Hypothese. Die allgemeine Abstammungs- 
Theorie beausiimcht volle und bleibende Geltung, weil sie durch 
alle allgemeinen biologischen Erscheinungsreihen und durch deren 
inneren ursächlichen Zusammenhang indiictiv begründet wird. Jede 
besondere Abstammungs- Hypothese hingegen ist in ihrer speciel- 
len Geltung durch den jeweiligen Zustand unserer biologischen 
Erkenntniss bedingt, und durch die Ausdehnung der objectiven 
empirischen Grandlagen, auf welche wir durch subjective Schlüsse 
diese H>i»othese deductiv gründen*" u. s. w. Ausdrücklich musa 
ich hier liinzufügeu, dass ich diese Verwalinmg bei jeder Gelegen- 
heit wietlerholt und stets auf den Unterschied hingewiesen habe, 
welcher zwischen der absoluten Sicherheit des generellen Trans- 
formismus und der relativen Sicherheit jedes einzelnen Stamm- 
baums besteht. Wenn daher Skmfbr und Andere meiner Gegner 
behaupten, dass ich meine Stammbaume als „unfehlbare Dogmen" 
lehre, so ist das einfach eiue Lüge. Ich habe vielmehr bei jeder 
Gelegenheit darauf hingewiesen, dass ich sie nur als heuristische 
Hypothesen ansehe, als das beste Hilfsmittel, um die wirkliche 
Stammverwandtschaft der organischen Formen mehr und mehr 
annähernd zu erforschen. 

Da die Auffassung des natürhchen Thier - Systems als eines 
hypothetischen Stammbaums und die damit verknüpfte phylo- 
genetische Deutung der ^Formen-Verwandtschaft" die ein- 
zige vernunftgemässe Deutung der letzteren überhaupt ist, so 
haben meine ersten genealogischen Versuche bald vielfache Nach- 
folger gefunden, und gegenwärtig schon sind zahlreiche fleissige 



L 



Arbeiter ia den verschiedensten Gebieten der systematischen 
Zoologie bemüht, in der Aufstellung solcher hypothetischen Stamm- 
bäume den kürzesten mid übersichtlichsten Ausdruck füi' die 
gegenwärtige Auffassung der Formen -Verwandtschaft zu finden. 
Wenn Virchow nicht so unbekannt mit der waliren Bedeutung 
und Methode, wie mit den Fortschi'itten und Erkenntnissen der 
systematischen Morphologie wäre, so müsste er das wissen, und 
er würde sich dann wohl auch gehütet haben, alle diese ernsten 
phjäogenetischen Studien als persönliche Liebhabereien und als 
werthlose Traumereien zu verspotten. 

Welche gewaltigen Fortschritte zu einer mechanischen Morpho- 
logie wir durch diese phylogenetische Bearbeitung des Systems 
gemacht haben, wie in die frühere tndte und starre Systematik 
dadurch auf einmal Licht und Leben gekommen ist, das kann 
allerdings nur der verstehen, der sich jahrelang selbst mit speciel- 
ier Systematik und Species - Gruppirung eingehend beschäftigt 
hat; Virchow hat nicht eine entfernte Ahnung davon, üebrigens 
sind diese Versuche jetzt schon so weit vorgesclmtten , dass ein 
grosser Theil der phylogenetischen Hypothesen als nahezu sicher, 
angesehen wird und schwerlich mehr wesenthche Veränderungen 
erleiden dürfte; während allerdings die Mehrzahl derselben noch 
immer schwankend ist und von den einen Systematikern in dieser, 
von den anderen in jener Richtung zu bessern gesucht wird. 

Für beinahe sicher gelten z. B. folgende phylogenetische Hypo- 
thesen : Abstammung aller vielzelligen Thiere von einzelUgen, Ab.- 
stammung der Medusen von Hydroid - Polypen , Abstammung der 
gegliederten Würmer von ungegliederten, Abstammung der saugen- 
den Insecten von kauenden Insecten, Abstammung der Amphibien 
von Fischen, Abstammung der Vögel von Reptilien, Abstammung, 
der Placentalthiere von Beutelthieren u. s. w. Für ebenso sicher 
halte ich persönlich auch die Abstammung des Menschen vom 
Aft'en; ja ich betrachte gerade diese wichtigste und folgenschwerste 
Stammes-Hypothese als eine von denjenigen, welche schon jetzt am 
besten empirisch begründet sind. 

Eigentlich hat schon Hüxlby, als der Erste, vor 15 Jahren 



37 



in seinen berühmten „Zeugnissen für die Stellung des Menschen 
in der Natur*' (1863) die unzweifelhafte „Abstammung des Men- 
schen vom AflFen^ so vortrefflich begründet und die dabei in Be^ 
tracht zu ziehenden Verhältnisse so klar erörtert, dass uns Anderen 
gerade hier nur sehr wenig mehr zu thun bheb. Das Resultat 
seiner vergleichend-morphologischen Untersuchungen gipfelt in dem 
Satze: „Wir mögen daher ein System von Organen vornehmen, 
welches wir wollen, die Vergleichung ihrer Modificationen in der 
Affenreihe führt uns zu einem und demselben Resultate : dass die 
anatomischen Verschiedenheiten, welche den Menschen vom Go- 
rilla und Schimpanse scheiden, nicht so gross sind, als die, welche 
den Gorilla von den niedrigeren Affen trennen.^ Es ist daher 
für den objectiven Zoologen nach den Grundsätzen der ver- 
gleichenden Systematik ganz unmöglich, den Menschen im Thier- 
system einen anderen Platz als in der Ordnung der Affen anzu- 
weisen; und es ist ganz gleichgültig, ob wir diese einheitliche 
Gruppe als Ordnung der Affen oder (mit Linnä) als Primaten 
bezeichnen. Für die phylogenetische Deutung des Systems ergibt 
sich aber aus dieser unvermeidlichen Gruppirung die gemein- 
same Abstammung des Menschen und Affen von e inier Stamm- 
form ; und auf diesen Satz kommt es ja für die allgemeinen Folge- 
rungen der „Affen -H}i)othese'^ allein an. Wie jene gemeinsame 
Stammform des Menschen und Affen beschaffen war, darüber 
könnten vielleicht noch verschiedene Ansichten gegenüber gestellt 
werden; wer aber die Gesammtheit aller dabei in Betracht kom- 
menden Thatsachen kennt und unbefangen würdigt, der muss 
schliesslich zu der sicheren Ueberzeugung gelangen, dass jene 
hypothetische, längst ausgest^)rbene Stammform eben nur ein 
echter Affe gewesen sein kann, d. h. eine placentale Säuge- 
thier-Form, die wir, wenn wir sie heute lebend vor uns hätten, 
auf Grund ihrer zoologischen Charactere ganz unzweifelhaft als 
echten Affen in der Ordnung der Affen oder Primaten unter- 
bringen würden. 

Bei diesen, wie bei anderen guten phylogenetischen Hypo- 
thesen gelangt man am leichtesten zur Ueberzeugung von ihrer 



i 



Wahrlieit, wenn man die anderen, daneben noch niügliclien 
Hypothesen in Betracht zieht. Nun hat aber in der That kein 
einziger Gegner der Affen-Hypothese ihr eine andere phylogenetische 
Hypothese gegenüber zu stellen vermocht, die nur einen Schimmer 
von Wahrscheiiüiclikeit hätte. Kein einziger Gegner hat eine 
andere Thierform namhaft gemacht und namhaft machen können, 
welche mit mehr Wahrscheinlichkeit für unseren nächsten Ahn- 
herrn gelten könnte, als der Aft'e. Mir hat noch Niemand vor- 
geworfen, dass Mutter Natur mich mit zu wenig Phantasie be- 
gabt hätte; im Gegeotheil wird mir ja häufig ein üebermaass 
dieses Himmels-Geschenks zum Vorwurfe gemacht. Nun habe ich 
schon oft und wiederholt alle meine Phantasie angestrengt, um 
mir irgend eine andere bekannte oder unbekannte Thierform als 
nächste Älmenform des Menschen, an Stelle des Affen, vorzustellen; 
ich bekenne aber, dass ich dazu völlig unfähig bin ; immer wieder 
komme ich mit Nothwendigkeit auf die Atfen-Abstammung zurück. 
Ich kann mir die äussere Form und die innere Organisation 
der nächsten Säugethier -Vorfahren des Menschengeschlechts vor- 
stellen, wie ich will — immer wieder werde ich zu der Anerken- 
nung gezwungen, dass diese hypothetische Stammform unter den 
zoologischen Ordnungs-Begriff der „Affen" gehört, dass 
sie von den Simien oder Primaten unmöglich getrennt werden 
kann. Will aber Jemand trotzdem aus „persönlicher Liebhaberei" 
irgend eine andere Reihe von unbekannten thierischen Vorfahren 
des Menschen annehmen, die mit den Aiien Nichts zu thun haben, 
so ist das eben eine leere Hypothese, welche völhg in der Loft 
schwebt. Unsere Affen-Hypothese hingegen ist durch die wesent- 
liche üebereinstimmung im inneren Körperbau des Menschen und 
Affen, und durch die Identität ihi-er embryonalen Entwicklung 
ganz objectiv begründet, wie ich das in meiner Anthropogenie 
ausführlich nachgewiesen habe (XJX. und XXVI. Vortrag). 

Sehr bezeichnend für die Unbekanntschaft Vibchow's mit 
dieser zoologischen Frage, in der ich als Zoologe von Fach 
seine Competenz entschieden bestreiten muss, ist die Art und 
Weise, wie er hier gerade die Paläontologie in den Vordergrund stellt 



39 

und der Descendenz-Theorie die Aufgabe zuschiebt, eine ununter- 
brochene Stufenleiter von fossilen Uebergangsformen zwischen 
Affen und Menschen aufzufinden. Die Gründe, wesshalb die 
Losung dieser Aufgabe nicht zu erwarten ist, die ausser- 
ordentliche Unvollständigkeit der paläontologischen 
Schöpfungs-Ürkunden, die natürlichen Hindemisse für die 
paläontologische Begründung des Stammbaums, sind von Dabwin 
selbst (im IX. und X. Capitel seines Hauptwerks) so einleuchtend 
entwickelt worden, dass ich eben gerade hier wieder zu der Ueber- 
zeugung komme, dass Virchow letzteres überhaupt niemals auf- 
merksam gelesen hat. 

Uebrigens hat schon lange vor Darwin der Schöpfer der 
neueren Greologie, der geniale Lyell, klar mid überzeugend nach- 
gewiesen, aus wie vielen Gründen der grösste Theil der Ver- 
steinerungs-Reihen höchst unvollständig bleiben muss, und später 
sind diese Gründe so oft und so ausführlich (unter Anderen auch 
von mir im XV. Capitel der Natürl. Schöpfungsgesch., p. 354 — 361) 
erörtert worden, dass es völlig überflüssig ist, diese allbekannten 
und breitgetretenen Fragen hier nochmals eingehehend aus ein- 
ander zu setzen. Es zeigt sich eben nur, wie unbekannt Virchow 
auch mit der Geologie und Paläontologie ist , und wie kurzsichtig 
er diese historischen Verhältnisse beurtheilt. 




Keia Angriff in VmcHow's Müiichener Rede hat mich so 
übeiTascht, und keiner zeugt so sehr von der Umkehr seiner 
wichtigsten wissenschaftlichen Anschauungen, als derjenige, den 
er gegen meine psychologischen und ceüular-physiologischen Be- 
merkungen gerichtet hat. Es entblösst sich hier in seinen Grund- 
anschauungeu ein mystischer Dualismus, der zu dem früheren 
mechanischen Monismus des berühmten Würzburger Pathologen 
im schärfsten Gegensätze steht. 

Ich hatte io meinem Munchener Vortrage (S. 12) „die gross- 
artige und höchst fruchtbare Anwendung" hervorgehoben, „welche 
ViECHOw in seiner Cellular- Pathologie von der Zellentheorie aof 
das Gesammtgebiet der theoretischen Mediein gegeben hat", imd 
in consequenter Ausführung derselben betont, dass man eigent- 
lich jeder organischen Zelle ein selbständiges Seelenteben zu- 
schreiben müsse. „Diese Auffassung wird endgültig begründet 
durch das Studium der Infusorien, Amoeben und anderer ein- 
zelliger Organismen. Denn liier treffen wir bei den einzel- 
nen, isolirt lebenden Z e 1 1 e n dieselben Aeusserungen desSeele'a- 
lebens, Empfindung und Vorstellung, Willen und Bewegung, wie 
bei den höheren, aus \ielen Zellen zusammengesetzten Thieren" 
(S. 13). 

Gegen diese Theorie der Zell seele, die ich für eine nnveiv 
meidliche Consequenz der filiheren cellular-physiologischen An- 
schauungen ViacHow's halte, erhebt derselbe Jetzt den entschieden- 
sten Protest; sie ist für ihn „em blosses Spiel mit Worten". Er 



IT, 41 

|E 

g. - ireitet sogar entschieden „das wissenschaftliche Bedürfniss, das 

». ^ liet der geistigen Vorgänge über den Kreis derjenigen Körper 

■^. I -.US auszudehnen, in und an denen wir sie sich wirklich dar- 

M ST 'en sehen"! Er sagt ferner: ^Wenn ich Anziehung und Ab- 

S- 2, snug für geistige Erscheinungen, für psychische Phänomene 

J- o Ai-e, dann werfe ich einfach die Psyche zum Fenster hinaus: 

S; jl n hört die Psyche anf, Psyche zu sein" (S. 27). Er sagt eud- 

g. d : _Für uns ist zweifellos tlie ganze Summe psychischer Er- 

Z. jnungen an Ijestimmte Thiere, nicht an die Gesammtheit aller 

VT »nischen Wesen, ja nicht einmal an alle Thiere überhaupt ge- 

pft, das behaupte ich ohne Anstand. Wir haben keinen Grund, 

i schon davon zu sprechen, dass die niedrigsten Thiere psy- 

^^ che Eigenschaften besassen; wir finden dieselben nur bei den 

^^aHIieren, und ganz sicher nur bei den höchsten.'' 

.\ls ich diese imd die damit zusammenhängenden weitereu 
erstaimUchen Sätze in Vikchow's Rede zum ersten Male las, 
musste ich mich unwillkührlich fragen: Kann denn das derselbe 
VmcHow sein, bei dem ich vor 35 Jahren in Würzburg gelernt 
habe, dass die Seelenthatigkeit des Menschen und der Thiere auf 
mechanischen Vorgängen m den Seelen-Organen beruht, dass 
diese Organe gleich allen anderen Organen aus Zellen zusam- 
mengesetzt sind, und dass die Thätigkeit der Organe weiter 
Nichts ist, als die Summe der Thätigkeiten aller sie zusammen- 
setzenden Zellen? Ist das derselbe Vischow, dessen wichtigste 
Lehre die Znrückführuiig aller körperlichen und geistigen Vor- 
gänge im menschlichen Organismus auf Mechanik des Zellen- 
lebens war, der die Einheit aller Lebens -Erscheinungen mit 
demselben Nachdruck vertrat, mit dem wir jetzt gezwnngen sind, 
sie gegenüber seinen Augritfen zu vertheidigen ? 

In der That und ohne Zweifel liegt hier ein neuer Beweis 
für ViHCHOw's Umkehr in den fundamentalen wissenschaftlichen 
Principien vor. Denn die von mir geforderte Celliilar-Psycho- 
logie ist nur eine nothwendige Consequenz der von VmcHow ver- 
tretenen Cellular-Physiologie. Seine jetzige Opposition gegen die 
erstere ist entweder ein Verzicht auf die letztere oder eine un- 



42 



halthai'e lucüiisequeuz. Ziu- Erldäi-uiig dieser auflallenileii Meta- 
psychose werden wir am besten thun, zunächst einen allgemeinen 
Blick auf die Seele überhaupt und dann einen besouderen Bück auf 
die Zellseeie zu thun. 

Was ist Seele oder Psyche? Die zahllosen verschiedenen 
Antworten, die auf diese erste Hauptfrage der Psychologie ge- 
geben worden sind, lassen sich sämmtlich, von allenr nebensäch- 
licheu Beiwerk befreit, in zwei verschiedene Hauptgi'up])en bringen, 
die wir kurz als monistische und als dualistische Seelen-Hypothese 
bezeichnen wollen. Nach der monistischen (oder realistischen) 
Seelen-Hypothese ist ,, Seele" weiter Nichts als die Summe 
einer Anzahl von besonderen Zellenthätigkeiten, unter denen Em- 
pfinden und Wollen, sinnliche Ein]>findung und willkührliche Be- 
wegung die wichtigsten und ara allgemeinsten verbreiteten sind 
dazu gesellen sich noch bei den höheren Thieren und bein 
Mensehen die verwickeiteren Thatigkeiten der Ganglien - Zellen, 
welche unter den Begilffen : Denken und Bewusstsein, Verstand 
und Vernunft zusamraengefasst werden. Gleich allen anderen 
Thatigkeiten der organischen Zellen beruhen demnach auch die 
Seelen -Thatigkeiten im letzten Grunde auf materiellen 
wegungs-Erscheinungen, und zwai' _ auf Bewegungen der 
Plasson-Moleküle oder Plastidule, der kleinsten Theilehen des 
Protoplasma (und vielleicht auch des Nucleus) ; wir würden die- 
selben, gleich alleu erkennbaren Natur - Vorgängen, wirklich er- 
klaren und begreifen können, wenn wir im Stande wären, sie auf 
Mechanik der Atome zurückzuführen. Diese monistische Seden- 
Hypothese ist daher im Grunde mechanistisch. Wenn die psy-; 
chische Mechanik, die ,,Psychophysik" nicht so imendlich zusam- 
mengesetzt und verwickelt wäre, wenn wir im Stande wären, auch 
die geschichtliche Entwickelung der psychischen Functionen voll- 
ständig zu übersehen, so würden wir sie alle (mit Inbegriff des 
Bewusstseins I) in eine mathematische „Seelenformel" bringen 
können. 

Nach der entgegengesetzten dualistischen {oder spiritua- 
listischen) Seelen-Hypothese ist hingegen die „Seele" eint 




43 

sondere Substanz, die von den Meisten in gröberer Weise als 
^Si gasfönniger Körper, von Anderen in feinerer Weise als ein 
immaterielles Wesen vorgestellt wird. Diese „Seelen - Substanz" 
bestebt unabhängig vom Thier-Kclrper, und tritt nur zeitweise mit 
bestimmten Organen desselben, mit den Seelen- Organen in die 
nächsten Beziehungen. Man könnte sicli vorstellen, dass diese 
Seelen-Substanz, ähnlich dem allgemein angenommenen, un- 
wägbaren Lichtäther, zwischen den wägbaren Molekülen der Seelen- 
Organe und speciell der Nervenzellen schwebe, und dass diese 
Verkettung der imponderableu Seele mit dem ponderablen Köi-per 
nur so lange bestehe, als das individuelle Leben andauert. Im 
Momente der Entstehung des individuellen Organismus, beim Zeu- 
gungs-Acte, fährt diese imponderable „Seele" in den Körper hin- 
ein, uud im Momente des Todes, bei der Vernichtung des leben- 
den Individuums, verilsst sie denselben wieder. Diese mystische 
oder dualistische Seelen - Hypothese , die bekannthch noch heute 
allgemein vorherrscht, ist im Grunde vitalistisch, indem sie 
die Kraft, welche mit der Seelensubstanz verknüpft ist, gleich der 
früheren „Lebenskraft" als eine besondere, von den mechanischen 
Kräften ganz unabhängige Kraft betrachtet. Diese Kraft beruht 
nicht auf materiellen Bewegimgs - Erschemungen, und ist von der 
Meclianik der Atome ganz imabhängig. Das oberste Gesetz der 
neueren Naturwissenschaft, das Gesetz von der Erhaltung 
der Kraft, hat auf das Gebiet des Seelen-Lebens denmacli gar 
keine Anwendung; die mechanische Causalität, die in allen Natur- 
TOrgängen sieh geltend macht, existirt für die Seele nicht. Die 
Psyche ist mit einem Worte eine übernatürliche Erscheinung, und 
das übernatürliche Gebiet der „Geisterwelt" steht unabhängig und 
frei neben dem natürlichen Gebiet der „Körperwelt". 

Vergleichen wir nun die psychologischen Anschauungen des 
jugendlichen und voruitheilsfreien Würzburger Viechow mit den- 
jenigen des gealterten und mystischen Berliner Virchow, so kann 
es für den Unbefangenen nicht zweifelhaft sein, dass der erstere 
vor, einem Viertel- Jahrhundert ein eben so entschiedener und 
consequenter Monist war, wie der letztere heute ein offenbarer 




44 



und überzeugter Dualist ist. Das grosse Verdienst, welches 
sich ViRCHOw vor 25 Jahre» um die natürhche Auffassung der 
menachlichen Natur erwarb, der hohe Ruhm, den er damals im 
Kampfe um die Wahrheit erntete, beriiht gerade darauf, dass er 
bei jeder Gelegenheit mit voller Energie die Einheit aller Lebens- 
Erscheiuungen hervorhob und die mechanische Natur derselben 
betonte. Alles organische Leben, also auch das Seelenleben, be- 
ruht auf ,, Mechanismus", auf jenem causalen Mechanismus, von 
dem Kant sagt, dass er „allein eine -wirkliche Erklärung ein- 
schliesst", und dass es ohne denselben überhaupt ,, keine Natur- 
wissenschaft geben kann". Sehr gut sagt darüber Virchow in 
seiner Kede über „die Einheitshestrebungeu in der wissenschaft- 
lichen Medicin" (1849): „Leben ist nur eine besondere Art der 
Mechanik, und zwar die allercomplicirteste Form derselben; 
diejenige, wo die gewöhnlichen mechanischen Gesetze unter den 
ungewtihnhchsten und mannigfaltigsten Bedingmigen zu Stande 
kommen. — Das Leben ist also, gegenüber den allgemeinen Be- 
wegungs -Vorgängen in der Natur, etwas Besonderes; allein es 
bildet nicht einen diametralen, dualistischen Gegensatz zu d^ 
selben, sondern nur eine besondere Art der Bewegung. — 
Die Bewegung selbst ist eine mechanische, denn wie sollte sie 
sonst zu unserer Kenntniss kommen, wenn sie nicht auf die sinn- 
hchen Eigenschaften der Körper begründet wäre? Die Träga: 
der Bewegung sind bestimmte chemische Stoffe, denn wir kennen 
keine anderen Stoffe im Körper als chemische. . Die einzelnen Be- 
wegungs-Actereduciren sich auf mechanische (physikalisch-chemische) 
Veränderungen der die organischen Einheiten, die Zellen und 
ihi'e Aequivalente, constituirendeu Elemente." Diese und viele 
ähnlichen Aeussenmgen in den ft-üheren Schriften Vikchow's — 
ganz besonders in dem ausgezeichneten Vortrag „über die mecha- 
nische Auffassung des Lebens" (1858) — lassen keinen Zweifel 
darüber, dass er damals mit klarem Bewnsstsein und voller Ener- 
gie, eben sowohl in der Psychologie, wie in den gesammten übrigMi 
Theilen der Physiologie, denjenigen mechanischen Standpuükt 
vertrat, den wir heute als das weseuthche Grundprincip unseres 



45 



Monismus auffassen, und der zu dem Dualismus der vitalistischeu 
Lehren in unversöhnlichem Gegensatze steht. Für die Befreiung 
von allen Vorurtheilen des letzteren, für die Bekehr4ing zu er- 
sterem, bin ich keinem meiner Lehrer so sehr verbunden, wie 
Rudolf Virchow. Denn sein vorzügheher Unterricht war es, der 
damals mich gleich vielen Anderen auf das Festeste von der 
alleinigen Berechtigung der mechanischen Naturbetrachtung über- 
zeugte. Er leitete mich zu der klaren Erkenntniss, dass die 
Natur des Menschen, wie jedes anderen Organismus, nur als 
ein einheitliches Ganzes richtig zu verstehen ist, dass sein geistiges 
und sein körperliches Wesen untrennbar sind, und dass die Er- 
scheinungen des Seelenlebens gleich allen anderen Lebens- 
Erscbeinungen, nur auf materieller Bewegung, auf mechanischen 
(physikalisch- chemischen) Veränderungen der Zellen beruhen. 
Und in voller Uebereiustimmung mit meinem hochverelirten 
Lehrer uutersehrieb ich damals und unterschreibe ich noch heute 
den Satz, mit welchem er (im September 1849J das Vorwort zu 
den oben angeführten „Einheitsbestrebungen" schloss : ,,Es ist 
möglich , dass ich in Einzelheiten geirrt habe ; ich werde gern 
eit sein, auch künftig meine Fehler einzugestehen und sie zu 
Aber ich habe die Ueberzeugung, dass ich mich 
^mals in der Lage befinden werde, den Satz von der Ein- 
pt des menschlichen Wesens und seine Consequenzen 
(, verlftugnen" ! 

Irren ist menschlich 1 Wer kann sagen, zu welchem diame- 

den Widerspniche gegen seine festesten Ueherzeugungen die 

mpassung an neue Verhaltnisse den Menschen später treiben 

n? Man vergleiche mit jenen streng monistischen Aussprüchen 

1849 und 1858 die ebenso entschiedenen dualistischen 

^Aeuaserungen Vibchow's in seiner Münchener Rede von 1877, 

und man wird finden, dass er selbst seine früheren Grund- 

Principien nicht grausamer hatte Lügen sti'afen können, als ea 

: geschehen ist. Noch nicht volle zwanzig Jahre sind seitdem 

, und doch hat sich während dieser Zeit in Viechow's 

ischauung, in seiner Auffassung der Menschen-Natur und 



des Seelenlebens, eine Wandlung vollzogen, wie sie durchgreifentdi 
wohl nicht gedacht werden kann. Da erfahren wir zu uns( 
Ueberrascbung, dass geistige und köriierliche Vorgänge v511ij 
verschiedene Erscheinungen sind, und dasa gar kein ,positive 
wissenschaftliches Bedürfiiiss vorliegt, das Gebiet der 
Vorgange über den Kreis derjenigen Körper hinaus auszudehnen^' 
in und an denen wir sie sich wirklich darstellen sehen". — „Man 
mag zuletzt die Vorgänge des menschlichen Geistes chemisch er- 
klären, aber zunächst haben wir doch nicht die Aufgabe, diess 
Gebiete durcheinander zu bringen" (!). 

Aus der ganzen psychologischen Erörterung, die hier in seinat 
Mtlnchener Rede eingeflochten ist, geht klar hervor, dass Vibchow 
gegenwärtig die „Seele" in rein dualistischem Sinne für ein* 
Substanz hält, für ein immaterielles Wesen, welches nui' zeitweilig' 
im Körper seine Wohnung aufgeschlagen hat. Höchst charaete- 
ristisch ist dafili- der merkwürdige Satz: „Wenn ich Anziehung 
und Äbstossung für geistige Erscheinungen , für psychische Phä- 
nomene erkläre , dann werfe ich einfach die Psyche zum 
Fenster hinaus, dann hört die Psyche auf, Psyche zu sein." 
Setzen wir einfach an Stelle des Wortes „Psyche'', der früheren, 
mechanischen Anschauung Virchow's entsprechend, das Wort: 
Bewegung (oder „besondere Art der Bewegung"), so lautet der 
Satz: „Wenn ich Anziehung und Äbstossung für Be- 
wegungs-Erscheinungen erkläre, dann werfe ich ein- 
fach die Bewegung zum Fenster hinaus," 

Noch merkwürdiger fast ist Vihchow's Behauptung, dass die 
niedrigsten Thiere keine psychischen Eigenschaften besitzen, dass 
dieselben vielmehr „nur bei den höheren, und ganz sicher nur 
bei den höchsten Thieren" zu finden sind. Es ist nur zu be- 
dauern, dass Vibchow hier nicht gesagt hat, was er unter höheren 
und höchsten Thieren versteht, und wo die merkwürdige Grenz- 
station ist, auf welcher mit einem Male die Seele in den bisher 
unbeseelten Thier-Körper einfährt. Jeder Zoologe, der nur 
einigennassen mit den Ergebnissen der vergleichenden Morphologie 
und Physiologie vertraut ist, wird hier staunend die Hände zu- 



47 



sammeuschlageii. Vikchow scheint mit jenem Satze sagen zu 
wollen, tlass wir nur jenen Tliieren ein Seelenleben zuschreiben 
dürfen , bei denen besondere Seelen-Organe , in Gestalt eines 
centralen und peripherischen Nervensystems, von Sinnes-Organen 
und Muskeln, entwickelt sind. Aber alle diese verschiedenen 
Seelen-Organe sind bekanntlich mit ihren characteristischen Eigen- 
schaften erst durch Arbeitstheilung aus einfachen Zellen 
hervorgegangen; und insbesondere haben sich Nerven und Mus- 
keln erst durch Differenzirung aus Neuromuskei-Zellen entwickelt. 
Die Zellen, von denen alle diese verschiedenen Nervenzellen, 
Muskelzellen, SiuneszeUen u. s. w. abstammen, sind ursprünglich 
einfache, indifferente Epithelzellen des Ectoderms oder des 
äusseren Keimblattes; und diese Zellen sind selbst erst wieder, 
gleich allen Zellen des vielzelligen Thierkörpers, durch wiederholte 

I Theilung aus einer einzigen ursprünglichen Zelle, aus der Eizelle 

irentstanden. 

■ Die individuelle Entwickelung oder die Ontogenesis jedes 
vielzelligen Thieres führt uns diesen histologiselien Entwickelungs- 
gang so klar und einleuchtend vor Augen, dass wir daraus un- 
mittelbar auf die Phylogenesis oder die allmählige historische 
Entwickelung der Seelen-Organe zurückschliessen können. Die 
Association und Arbeitstheilung der Zellen ist der 
Weg, auf welchem ursprünghch aus dem einfachen einzelUgen der 
zusammengesetzte vielzellige Organismus historisch entstanden ist. 
Eine unbefangene vergleichende Betrachtung lehrt uns nun aber 
auf das Klarste, dass Seelenthaügkeit bei den niedersten einzelligen 
Thieren eben so gut existirt, wie bei den höchsten vielzelligen, 
behn Infusorium ebenso gut wie beim MenscJien. Willen und 
Empfindung, die allgemeinsten und unzweifelhaftesten Merk- 
male alles Seelenlebens, lassen sich bei ersteren ebenso wenig 
übersehen, als bei letzteren, Tritt doch sogar bei den meisten 
gewölmlichen Infusions-Thierchen, namentlich bei den Cihaten 
oder Wiraperthierchen , die willkürhche Bewegung und die be- 
wusste Empfindung (von Druck, Warme, Licht u. s. w.) uns so 
unzweifelhaft entgegen, dass einer ihrer ausdauerndsten Beobachter, 



48 



bis zu seinem Tode unbeirrt behauptete; Alle In- 
faaorien müssen Nerven und Muskeln, Sinnesorgane und 
Organe, so gut wie alle höheren Thiere, besitzen. 

Nun gipfeln aber bekanntlich die gewaltigen Fortschritte,, 
die unsere Wissenschaft, in der Naturgeseliichte dieser niederstem 
Organismen neuerdings gemacht hat, in der klaren, schon VM 
SrKBOLD vor 30 Jahren behaupteten, aber erst neuerdings , 
bewiesenen" Erkeuntniss, dass dieselben einzellig sind; und 
dass bei diesen Infusorien eine einzige Zelle alle die ' 
schiedenen Lebensthatigkeiten — mit Einscbluss der Seelenthätig- 
keiten — auszuüben vermag , welche bei den Pflanzenthieren 
(Hydren, Spongien) auf die Zellen der beiden Keimblatter, 
allen höheren Thieren auf die verschiedenen Gewebe, Organe unÄ 
Apparate eines höchst verwickelt gebauten Organismus vertheül 
sind. Die psychischen Functionen der Empfindung und WiUeiB- 
bewegung, die hier auf sehr verschiedene Organe und Gewebft, 
vertheilt sind, dieselben werden dort, bei den Infusorien, durch 
die indifferente Plasson-Materie der Zelle, durch das Proto* 
plasma und (vielleicht auch) den Kern derselben ausgeführt. 
(Vergl. meinen Aufsatz „Zur Morphologie der Infusorien". Jen». 
Zeitschr. 1873, Ed. VII, S. 516.) So gtit wir aber diese« 
einzelligen ,,Urthierchen" eine selbsLständlge „Seele" zutheilffl 
müssen, so klar wh: uns hier von der ,, Psyche" einer einfachen 
selbststäodigen Zelle überzeugen, so bestimmt müssen wir auch 
allen anderen Zellen eine Seele zuschreiben; denn die wichtigste 
active Substanz derselben, das Protoplasma, zeigt überall die- 
selben psychischen Eigenschaften der Empfindüehkeit (Reizbarkeüj 
und Beweglichkeit (Wille). Der Unterschied ist nur der, 
Organismus der höheren Thiere und Pflanzen die zahlreichen, den- 
selben zusammensetzenden Zellen ihre individuelle Selbststandigkeil; 
zum grossen Theile aufgeben und sich als gute Staatsbürger d» 
„Staatsseele" unterordnen, welche die Einheit des Willens und der 
Empfindung in der „Zellen- Association" reprasentirt. Wir i 
also hier wohl unterscheiden zwischen der Ceiitraiseele 



49 

ganzen vielzelligen Organismus oder der persönlichen Psyche („Per- 
son-Seele") und den besonderen Einzel-Seelen oder Elementar-Seelen 
der einzelnen ihn zusammensetzenden Zellen, den Zellseelen. 
Höchst schlagend wird dieses Verhältniss durch die lehrreiche Gruppe 
der Siphonophoren illustrirt, wie ich kürzlich in meinem Vor- 
trage über „Zellseelen und Seelenzellen" ausgeführt habe („Deutsche 
Bundschau", Juli 1878). Unzweifelhaft hat der ganze Siphono- 
phoren-Stock oder -Staat einen sehr bestimmten einheitlichen 
^en, und eine einheitliche Empfindung; und dennoch be- 
aitEt auch jede der einzelnen Personen, die diesen Stock (oder 
Cormus) zusammensetzen, iliren besonderen persönlichen Willen 
lod ihre besondere persönliche Empfindung. Jede dieser Per- 
aonen ist ja ursprünglich eine einzelne Meduse, und erst 
durch Association und Arbeitstheilung ist aus dieser vereinigten 
Medusen-Gesellschaft der „individuelle" Siphonophoren-Stock ent- 
standen. 

Als ich diese „Theorie der Zellseele" entwickelte und 
in meiner Münchener Rede sie als das sichere „Fundament 
der empirischen Psychologie" bezeichnete, da glaubte ich 
ganz im Sinne Virchow's eine weitere Consequenz aus seinen 
eigensten mechanischen und cellular-physiologischen Anschauungen 
za ziehen; wesshalb ich auch bei dieser Gelegenheit seine 
grossartigen Verdienste um die Zellentheorie besonders hervorhob. 
Wie musste ich daher erstaunen, in seiner Gegenrede gerade 
diese Theorie auf das heftigste angegriifen und als „ein blosses 
Spiel mit Worten" verspottet zu sehen. Ich hatte eben nicht 
daran gedacht, dass Virchow längst seinen wichtigsten biologischen 
Principien untreu geworden und seiner eigenen „mechanischen" 
Zellentheorie völlig entfremdet ist; ich hatte aber auch nicht 
daran gedacht, dass Virchow die zoologischen Kenntnisse 
grösstentheils fehlen, die zu einem wirklichen Verständniss der 
Zellseelen-Theorie erforderlich sind. Weder mit den einzelligen 
Protozoen, den Infusorien und Lobosen, noch mit den Coelente- 
raten, den höchst lehrreichen Spongien, Hydroiden, Medusen und 

H » e c k e 1 , Freie Wisseuschaft. a 



50 



Siphonophoren, hat er sich jemals eingeliend beschäftigt, und so- 
mit fehlt ihm .jene vergleichend-zoologische und genetische 
Grundlage, auf der unsere Theorie beruht. Nur so ist es be- 
greiflich, dass VmcHow die wichtigste psychologische Consequenz 
der Zellen-Theorie als ein „blosses Spiel mit Worten" vor- 
werfen kann. 

Nächst den einzelligen Infusorien spricht wohl keine Er- 
scheinung so euileuchtend und unmittelbar fftr unsere Cellular- 
Psychologie, wie die Thatsache, dass auch das menschliche 
Ei, gleich dem Ei aller anderen Thiere eine einzige einfache 
Zelle ist. Nach unserei- monistischen Auffassung von der Zell- 
seele müssen wir annehmen, dass die befruchtete Eizelle bereits 
jene psychischen Eigenschaften virtuell besitzt, welche in der 
besonderen Mischung von mütterlicher und vaterlicher Erb-Eigen- 
thümlichkeit die individuelle Seele der Person characterisiren; im 
Laufe der Ei-Eutwickelung entwickelt sich natürlich die Zellseele 
des befruchteten Eies gleichzeitig mit seinem materiellen Sub- 
strate und tritt später heim Neugeborenen actuell in die Er- 
scheinung. 

Nach ViECHOw's dualistischer Auffassung der „Psyche" müssen 
wir dagegen annehmen, dass dieses immaterielle Wesen in irgend 
einer Periode der embryonalen Entwickelung ( — wahrscheinlich 
wenn sich das Markrohr aus dem äusseren Keimblatte sondert! — ) 
in den seelenlosen Keim hineinfährt. Natürlich ist damit das 
nackte Wunder fertig, und die natürliche und ununterbrochene 
Continuitat der Entwickelung ist überflüssig! 



V. Genetische nnd dogmatisclie Lehrmethode. 



Das gerechte Aufsehen, welches VmCHow's MOnchener Rede 
in weitei'en Kreisen erregt hat, beruht nur zum Theil auf seiner 
Opposition gegen die Descendenz-Theorie ; zum andern, und wohl 
grosseren Theil , auf den überraschenden Folgeningen, welche er 
daran namentlich für die Freiheit des Unterrichts knüpft. Diese 
Folgerungen gleichen so sehr denen der Jesuiten, dass sie direct 
vom Vatican, oder was dasselbe ist, von der berüchtigten „Hof- 
prediger-Partei'' in BerUn inspiiirt worden sein könnten. Kein 
Wunder daher, dass gerade diese, die ganze Freiheit der Wissen- 
schaft vernichtenden Satze den lautesten Beifall der „Germania", 
der ,, Neuen evangelischen Kirchenzeitung" und anderer Haupt- 
Lägenblätter der streitenden Kirclie gefunden haben. Ander- 
seits sind allerdings auch gerade diese haarsträubenden Sätze 
schon so vielfach besprochen und in ihrer Unhaltbarkeit klar ge- 
legt worden, dass ich mich liier kurz fassen kann. 

Die pädagogische Politik Virchow's gipfelt in der Forderung, 
dass in der Schule — von der Volksschule bis zur Universität 
hinauf — Nichts gelehrt werden dürfe, was nicht ab- 
solut sicher sei. Niu' objectives, absolut festgestelltes 
Wissen dürfe vom Lehrer den Lernenden überliefert werden, kein 
subjectives, der Verbesserung fähiges Wissen ; nur Tbatsachen, 
keine Hj-pothesen. „Die Forschung nach solchen Problemen, an 
denen sich die ganze Nation interessiren mag, darf keinem vei^ 
schränkt seui; das ist die Freiheit der Forschung. Aber 
das Problem soll nicht ohne Weiteres Gegenstand der Lehre 



i 



52 



sein. Wenn wir lehi'en, sd müssen wir iina an jene kleineren 
xmä. doch schon so grossen Gebiete halten, die wir mrklich be- 
herrschen." 

Selten ist wohl von einem hervorragenden Vertreter der 
Wissenschaft, und noch dazu von einem Führer der geistigen 
Bewegung, ein solches Attentat auf die Lehrfreiheit ausgeführt 
■worden, als hier von Vibchow geschehen ist. Nur die Forschung 
darf frei sein, aber ja nicht die Lehret Wo aber ist in der 
ganzen Geschichte der Wissenschaften ein einziger Förderer der^ 
selben zu finden, der sich nicht berechtigt gewusst hätte, seine 
subjectiven Ueberzeugungen mit gleichem Eechte zu lehi'en, wie 
er sie aus der Erforschung der objectiven Thatsachen geschöpft 
hatte. Und wo ist denn überhaupt eine Grenze zwischen objec- 
tivem und subjectivem Wissen zu finden? Gibt es überhaupt 
eine objective Wissenschaft? 

Diese Frage wird von ViacHOw bejaht, indem er hinzufügt: 
„Wir dürfen nicht vergessen, dass es eine Grenze zwischen dem- 
speculativen Gebiete der Naturwissenschaft und dem thatsächlich 
errungenen und vollkommen festgestellten Gebiete gibt." (S. 8.) 
Nach meiner Ueberzeugung gibt es eine solche Grenze nicht; 
vielmehr ist alles menschliche Wissen als solches subjectiv. Eine 
objective Wissenschaft, die bloss aus Thatsachen besteht, ohne 
aubjective Theorien, ist überhaupt nicht denkbar. Zur Begründung 
dieser Ansicht müssen wir eine flüchtige üeberschau über das 
Gesammtgebiet menschUcher Wissenschaft halten und die Haupt- 
gebiete derselben darauf prüfen, wieviel einerseits objectives 
Wissen und „Thatsache", wieviel anderseits subjectives Wissen 
und „Hj-pothese" darin enthalten ist. Wir können da unmittel- 
bar mit Kant's Ausspruche beginnen, dass in jeder Wissenschaft 
nur so viel wahres (d. h. objectives) Wissen sich findet, als 
Mathematik darin enthalten ist. Unzweifelhaft steht die Mathe- 
matik mit Bezug auf die Sicherheit ihrer Lehren an der Spitze 
aller Wissenschaften. Aber wie steht es mit den tiefsten und 
einfachsten „Grundsätzen", auf deren fester Basis sich das ganze 
stolze Lehrgebäude der Mathematik erhebt? Sind diese sicher 




53 



beweisen ? Ganz gewiss nicht ! Die fundamentalsten Lebr- 
sitze sind eben „Grundsätze", die eines „Beweises" nicht fähig 
sind. Um nur an einem Betspiele darzutbun, wie selbst die ersten 
Grundsatze der Mathematik durch die Skepsis angegritfen und 
durch die philosophische Speculatiun erschüttert werden können, 
erinnern wir an die neuerlichen Discussionen über die drei Dimen- 
sionen des Raumes und die Möglichkeit einer vierten Dimension: 
Streitigkeiten, die von einer Anzahl der angesehensten Mathe- 
matiker, Physiker und Philosophen noch heute fortgeführt werden. 
Soviel ist sicher, dass auch die Mathematik so wenig als irgend 
eine andere Wissenschaft absolut objectiv ist, vielmelir durch die 
Natur des Menschen subjectiv bedingt ist. Das subjective Er- 
kenntniss-Vermögen des Menschen kann die objectiven „That- 
sachen" der Aussenwelt überhaupt nur so weit erkennen, als 
seine Sinnes-Organe und sein Gehirn in ihrer individuellen Aus- 
bildung gestatten. 

Doch wir wollen einmal zugeben, dass die Mathematik wirk- 
lieh eine absolut sichere und objective Wissenschaft ist, wie steht 
es denn mit den übrigen Wissenschaften? Unzweifelhaft am 
„sichersten" sind unter diesen diejenigen „exacten Wissenschaften," 
deren Lehrsätze unmittelbar mathematisch zu begründen sind, 
also zunächst ein grosser Thei! der Physik. Wir sagen: ein 
grosser Theil; denn ein anderer grosser Theil — bei genauer 
Prüfung der weitaus grössere — ist einer exacten mathematischen 
Begründung uni&hig. Oder was wissen wir denn Sicheres über 
das Wesen der Materie und das Wesen der KraftV Was 
wissen wir Sicheres von der Gravitation, von der Massen- 
Anziehung, von der Wirkung in die Ferne u. s. w,? Als wich- 
tigste und sicherste Theorie der Physik gilt uns Nbwton's 
Gravitations-Theorie, die Grundlage der Mechanik, und doch ist 
die „Schwerkraft" selbst eine Hj'pothesel Nun vollends die ande- 
ren Zweige der Physik, z. B. Electricität und Magnetismus. Das 
ganze Verständniss dieser wichtigen Lehren beruht auf der Hypo- 
these von „electrischen Flüssigkeiten" oder von iniponderablea 
Stoffen, deren Existenz nichts weniger als erwiesen ist, Oder die 



54 



Optik t Oewiss gehört gerade die Optik zu den wichtigsten und. 
vollendetsten Theilen der Physik und doch beruht die Vibrations-, 
Theorie des Lichts, welche wir heute für ihi-e unentbehrliche) 
Basi-s halten, auf einer unbegründbaren Hypothese, auf den 
„HUbjectiven" Annahme des LicbtHthers , dessen Existenz keinfl 
Mensch irgendwie objectiv zu beweisen im Stande ist- Ja, nochJ 
mehr, ehe Yodng die Vibrations-Theorie des Lichts aufeteUteJ 
herrschte Jahrhunderte lang in der Physik ausschhesslich die yoa* 
Nkwton gelehrte Eraanations-Theorie des Lichts; eine TheorieJ 
die beute allgemein als unhaltbar verlassen ist. Nach nnsererj 
Antdcht erwarb sich der gewaltige Newton um die EntwickelimgJ 
der Optik das grüsste Verdienst, indem er den ersten Versadu 
machte, die Unmasse der objectiven optischen Thatsachen durcbJ 
eine subjcctive leitende Hypothese zu verbinden und zu erklären^ 
Nach VntOHOw'ü Ansicht hingegen versündigte sieb Newton durcltJ 
die Lohro dieser falschen Hypothese auf das Schwerste; denai 
auch in der „exacteu" Physik dürfen nur einzelne sicher»! 
Thatsachen gelehi't und durch den ,Vei-such als das böchst&'j 
Ueweisniittel" festgestellt werden; die Physik als Ganzes, auf^ 
lauter unbewiesenen Hypothesen beruhend, darf zwar GegenatamLi 
der Forachuug, aber nicht der Lehre seini J 

Uaitz dasselbe gilt natiü-lich von der Chemie; ja diese stxim 
auf nuch viel schwächeren Füssen, und ist noch \iel wenig«! 
niclu'-r liügründet als die Plijsik! Der ganze theoretische TheüB 
d»r Ohoinie ist ei» so luftiges Hypotbesen-Gebaude, wie es kaum-,] 
tu tdnnr audorii Wiaoonschaft avistirt. In den letzten drei De-i{ 
ü«nnl«n haben Idor rasch hinter einander eine Reihe der ver-l 
mihiodtiiiMton TliwiHon «ich abgotüst, die Radical-Tbeorie , Sub- , 
HtltlltlonM-Thüorlü, Viiluuz-'l'beorie u. s. w. Kerne dieser Theorien 
lit nMwT m bnwniitdii und dt^nmich wird vuu Jedem Lehrer der ' 
Ulit'iiibi wvnlgMtoim olne dciselbon golohrt. Was aber das i 
HrlilliiiniHiK iNt, diu ({iiinWiiHumü (.irundlnge aller der verschiede- i 
nnii rliiwiilHuliiiii ThoiiHon, dk« Atum-Theorie, ist eine so un- '■ 
IibwIbnumi» inid imlimvtilHbai't' ll,v|uitlu>Me. wie es nur ii-gend eine 
Mvlmii kuiiii, Ki^lii Ulminlktn' bat viu Atom jemals gesehen, i 



oo 

dennoch hält er für das höchste Ziel seiner Wissenschaft die 
Mechanik der Atome^, dennoch beschreibt und constroirt er die 
Lagerung und Zusammensetzung der Atome in den verschiedenen 
YeriHndungen , als ob er sie auf dem Secirtische vor sich hatte. 
AOe Vorstellungen, die wir vom chemischen Bau und den Ver- 
wandtschaften der Stoffe besitzen, sind subjective Hypothesen, 
Torstellungen von Lagerung und Umlagerung der verschiedenen 
Atome , deren Existenz nicht einmal zu beweisen ist. Also f o rt 
■it der Chemie aus der Schule! Der Chemiker darf bloss 
tie Eigenschaften der Stoffe und ihrer Verbindungen beschreiben, 
6 anmittelbar als sichere Thatsachen dem Lernenden vor- 
ofilhren und durch den ^Versuch als das höchste Beweismittel 
a begründen sind. Alles was darüber ist, ist vom Uebel, nament- 
Kdi auch jeder Gedanke über das Wesen und die chemische 
Constitution der Köri)er; Fragen, über die man sich, — der 
Natur der Sache nach — nur unsichere Hypothesen machen kann. 
Da nun die ganze Chemie als Lehrgebäude nur auf solchen Hyi)o- 
ftesen beruht, darf sie zwar Gegenstand der Forschung, aber nicht 
der Lehre sein ! 

Nachdem wir uns so überzeugt haben, dass sowohl Chemie 
als Physik, diese ^exacten" Wissenschaften, diese ;, mechanischen*^ 
Fundamente aller anderen Wissenschaften, auf lauter unbewiesenen 
Hypothesen beruhen, und also nicht gelehit werden dürfen, können 
wir uns mit den übrigen Disciplinen kurz fassen. Denn diese 
sind sämmtlich mehr oder minder historische Wissenschaften, 
Qnd entbehren daher ganz oder theilweise selbst jener halb- 
öxacten Grundlage, auf der Physik und Chemie beruhen. Da 
ist zunächst eine eminent historische Naturwissenschaft, die Geo- 
logie, die wichtige Lehre vom Bau und der Zusammensetzung, 
^ö der Entstehung und Entwickelung unseres Erdballs. Nach 
^lacHOW hat sich dieselbe auf die Beschreibung der sicheren 
"'^B.tsachen zu beschränken, als da sind: Structur der Gebirgs- 
^^sen, Form der darin eingeschlossenen Versteinerungen, Bildung 
"^^^ EiystaUe u. s. w. Dagegen darf bei Leibe nichts von der 
*'^twickelung der Erde gelehrt werden; denn diese beruht 



r 



TOB Anfang bis zu Ende auf unbewiesenen Hypothesen, Da 
Btreiten sich ja noch heute die phitonisüsche und neptunistische 
Theorie, und noch heute wissen vnx von manchen der wichtigstea 
Gesteine nicht, ob sie durch die Einvrirkung des Wassers oder 
des Feuers entstanden sind. Die neuen merkwürdigen Ent- 
deckungen der grossartigen Challenger-Expedition drohen hier 
wieder einen grossen Theil geologischer Vorstellungen umzn- 
atossen, die längst als gesichert galten. Vollends die Versteine- 
rungen! Wer beweist uns denn sicher, dass diese Petrefactra». 
wirblich die fossilen Ueberreste von untergegangenen Organismen 
sind? Sie können ja auch, wie \iele angesehene Naturforscbei^ 
noch im vorigen Jahrhundert annahmen , wunderbare „Natup^ 
spiele" sein, rftthselhafte „Lusns naturae" ; oder rohe anorganisch^! 
Modelle des gestaltenden Schöpfers, denen er spater seinen „leben — 
digen Odem einhauchte" ; oder auch „Steinfleisch" (Caro fossilis). 
entstanden aus der Befruchtung des todten Gesteins durch di« 
„Samenluft" (Aura seminalis) u. s, w. 

Doch ich irre mich! Virohow ist gerade in Bezug avrf 
Petrefacten äusserst speculativ und nimmt ohne Bedenben di« 
gewagte Hypothese an, dass die Versteinerungen wirklich üebeir- 
reste von ausgestorbenen Organismen sind, obgleich' gar köB 
„sicherer Beweis" dafür zu liefern ist, und obgleich der „Versucl 
als das höchste Beweismittel" noch kein einziges Petrefact z\ 
Stande gebracht hat. Es sind nach ihm wirkhch ,,objective mato-* 
neue Beweisstücke" I Nur darf man auch liier nicht weiter gehen*, 
als die sichere Erfahrung lehrt und auf diese objectiven Thatr- 
fiacben keine subjectiven Schlüsse gründen! Da finden wir z. B 
in der ganzen langen Reihe der mesozoischen Formationen, i«* 
den verschiedenen Schichten der Trias, Jura und Kreide, dere** 
Ablagerung einen Zeitraum von mehreren Millionen Jahren 
&sste, von fossilen Saugethieren weiter gar keine Reste als nm-^ 
Unterkiefer; wo wir auch suchen, überall nur Unterkiefer nn^ 
keinen einzigen anderen Knochen. Die einfachen Gründe dit 
auffallenden „Unvoltstandigkeit der paläontologischen Schopfunj 
Urktuide" süid von Lyell, Hüxlet u. A. einleuchtend entwieke^^''' 




57 



»■worden. (\'ergl. meine Natürl. Schöpf. VI. Aiifl. S. 357). Diese 
grossen Forscher haben, ühereiustimmenti mit allen anderen 
Paläontologen, jene mesozoischen Unterkiefer ohne ^Veiteres für 
Reste von Säiigethieren erklärt, und zwar von ISeutelthieren ; aus 
dem einfachen Grimde, weil der Unterkiefer nur hei den heute 
noch lebenden Beutelthieren eine ähnliche characteristische Form 
wie bei Jenen Versteinerungen zeigt. Sie nehmen dabei un- 
bedenklich an, dass auch die übrigen Knochen im Körper jener 
ausgestorbenen Thiere sich wie bei den Säugetliieren verhielten. 
Das ist aber ehie ganz unerlaubte Hji>otbese ohne .jeden „siche- 
ren Beweis"! Wo sind denn jene anderen Knochen? Man zeige 
1 He uns doch! Eher glauben wir nicht daran! Nach Vikchow 
müssen wir vielmdir annehmen, dass der Unterkiefer der einzige 
I Knochen im Leibe jener wunderbaren Thiere war. Gibt es ja 
»doch auch Schnecken, bei denen ein Oberkiefer der einzige Skelet- 
l'theil istl 

Bei dieser Gelegenheit können wir nicht umhin, emen Seiten- 
[ blick auf die höchst gewagte Stellung zu werfen, welche Viechow 
' ganz in Widerspruch zu seiner gerühmten kühlen Skepsis, in 
semeni heutigen Lieblingsfach, in der sogenannten Anthropo- 
l logie einnimmt. Er erzahlt in seiner Münchener Rede, dass er 
„gegenwaitig gerade Anthi-opologie mit Vorliebe treibe" und be- 
richtet dann, dass „der quaternäre Mensch eine allgemein accep- 
I tirte Thatsache sei". Wir wollen hier ganz davon absehen, 
' dass ViRCHOw zu einem tieferen , wirklich wissenschaftlichen 
Studium der Anthropologie einfach desshalb nicht gelangen kann, 
, weil ihm die umfangreichen, dazu unentbehrhehen Kenntnisse in 
■dei' vergleichenden Morphologie fehlen; vergleichende 
I Anatomie luid Ontogenie sind ja nach ihm unerlaubte Specula- 
> tionen, imd die darauf gegründete Phy logen ie des Menschen, 
. der Schlüssel zu den wichtigsten Fragen der Anthropologie, ist 
„ohne alle sicheren Beweise". Um so mehr müssen wir über 
! <den speculativen Leichtsinn staunen, mit welchem der skeptische 
I TmcHOW selbst in der sogenannten „Urgeschichte des Menschen" 
uid in der „fossilen Anthropologie" sich auf die gewagtesten 



58 



Vermtithimgen einlässt and unsichere subjective Hypatlieyen ^Ir 
sichere objective Thatsachen ausgibt. 

Es gibt nämlich heutzutage kein Gebiet der Wissenschaft, 
auf welchem die wildeste und haltloseste Hypothese so sehr blühte 
als die sogenannte „Anthropologie" und „Ethnologie"'. Alle phylo- 
genetischen Hypothesen, die ich selbst in meiner Anthropogenie' 
Ober die thierische Almenreihe des Menschen und in meiner natür- 
lichen Schöpfungsgeschichte über die Stammverwandtschaft der 
Thiere aufgestellt habe, alle die anderen genealogischen Hypo-' 
thesen, die heute von zahlreichen Zoologen und Botanikern über 
die phylogenetische Entwickelimg der Thier- und Pllanzen-Welt 
aufgestellt werden — alle diese Hypothesen zusammengenommen,. 
die ViHCHOw in Bausch und Bogen verwirft, sind, als Hypothesen,! 
kritisdi betrachtet, weit besser thatsachlich begi'ündet, weit mehr 
durch „sichere" Erfahrungen gestützt, als die Mehrzahl jener 
sohllosen, ganz luftigen und phantastischen Hj'pothesen. mit denen 
seit zwölf Jahi-en das „Archiv für Anthropologie", und die voa 
VmcHuw und Bastiak herausgegebene „Zeitschrift für Ethnologie" 
ihre ISpalton füllen. Diese letztere Zeitschrift hat wenigstens den 
Vorzug, eine ziemlich consequente Gegnerin der Entwickelungs- 
Iflhre zu Hein, w&hreiid in dei' ersteren seit zwölf Jahren trans- 
formistlschQ und creatislische Aufsfltxe im heitersten Gemenge 
ilurclieinauiioi' wirbeln. Und wie luftig sind die kurzsichtigen 
Hyiiotliesoii, wolclio da aus einem bunten Haiilen chaotisch zu- 
HuiiiuiouKitwUrfetter „'riiatsachen" aufblühen! Man denke nur an 
illö HU'oitIgkoitoii Über Steinzeit. Bi-oiize^eit imd Eisenzeit! Man 
dniikn Uli ili« bunten Ulacussionen Über die verschiedenen Schädel-r 
fiifinmi iitid ihre lledoiitiiug, über die Mensthen-R&ssen. Völker-,. 
WiiiidiTUnKoii II, dcrul. Diu niwstou dieser höchst verwickelten 
hlnl.oi'lm'lii>ii rndtloino Nlutl viel uioUr im Dunkel begraben and die 
oi'Kllli'diidiin ny]>i>llii>noii tliii'llbor eiilbelireJi vid mehr dei' that- 
■^tli'lillrlii'ii iliiiinlhmon. iiIn tiH \M unsei'en (ihj'logenetischen Hypo- 
ihvnt^W lioi' Kiill Int; iltMiii MvH^ wniiliH) diuxh die Thatsachen der 
voi'Hlt'li'liHiulnn Ailitlninlo llinl üntuueiiic doch mehr oder minder 
„uHltiiiUv" huttiiliiilni, 




59 



Keine von jenen historischen Hypothesen ist aber so gewagt, 
' so wenig „sicher begründet", als die Gruppe von sehr verschie- 
denen und widerspruchsvollen Hypothesen, die über das Alter 
und das erste Auftreten des Menschen - Geacblechts aufgestellt 
worden sind. Und da behauptet VmcHOw: „Der quaternftre 
Mensch ist eine aUgemeiii acceptirte Thatsache! Dei' tertiäre 
Mensch dagegen ist ein Problem, freilich ein Problem, welches 
schon in materieller Discussion ist!" Als ob nicht die Unter- 
scheidung des tertiären und quatemären (soll heissen: quartfiren) 
Zeitalters selbst eine geologische Hypothese wäre, und als 
ob nicht die Deutung der fossilen Thierreste, die dabei die grösste 
Rolle spielen, auf lauter Hypothesen beruhte, der „sichei'eu Be- 
weise" gänzlich entbehrte? Und wo ist denn das Experiment, 
„der Versuch als das höchste Beweismittel", der jene „sicheren 
Thatsachen" wirklich beweist? Ueberhaupt ist diese ganze Er- 
örterung über den prähistorischen Menschen, die Viechow auf 
S. 30 und 31 seiner Müuchener Rede eiuflicht, der deutlichste 
Beweis von der Kritiklosigkeit, mit der er diese historischen 
Probleme als „exacte Naturwissenschaft" behandelt. Ei- ver- 
sichert uns: „Irgend ein fossiler Afl'enschädel oder Affenmenschen- 
Schädel, der wirklich einem mensclilichen Besitzer angehört haben 
könnte (!!), ist noch nie gefunden worden!" und daran schliesst 
sich dann mit gesperrter Schrift der Satz: „Wir können nicht 
lehren, wir können es nicht als eine EiTungenschaft. der Wissen- 
schaft bezeichnen, dass der Mensch vom Aßen oder von irgend 
einem anderen Thiere abstamme!" Dann bleibt freilich 
nichts übrig, als Abstammung von einem Gotte oder von einem 
Erdenklose! 

Doch gehen wir weiter zu dem Reste der übrigen Wissen- 
schaften, um zu sehen, was nach Virchow davon gelehrt werden 
darf, ohne die Sicherheit der Wissenschaft zu geföhrden. In der 
ganzen Biologie , sowohl in der Zoologie (mit Einschluss der 
Anthropologie^, als in der Botanik wird sich der Unterricht auf 
Mittheilung des geringen Bruchtheils beschranken müssen, der 
entweder blosse Beschreibung trockener Thatsachen enthält, oder 



60 



der zu ihrer Erklärung mathematische Formeln gestattet. Di^ 
Morphologie wird also bloss als descriptive Anatomie und Syste* 
matik, die Entwickelungsgeschichte nur als beschreibende Onto- 
genie zu lehren sein. Die vergleichende Anatomie und Phylogenie,. 
die jene todten Thataachen-Massen durch erklärende Hypothesen 
erst zur eigenthchen Wissenschaft machen, die dürfen nicht ge- 
lehrt werden. Wie verhalt es sich dann aber mit der Zellen- 
Theorie, jener fundamentalen Theorie, auf der unsere ga 
elementare Morphologie und Physiologie beruht, und durch deren 
Anwendung Virchow selbst seine grössten Erfolge erzielte? 

Seitdem Schleiden in Jena vor 40 Jahren die Zellen-Theorie. 
aufstellte und Schwann unmittelbar darauf sie auch für das Thier- 
reich und somit für die ganze organische Welt geltend machte, 
seitdem hat diese fundamentale Lehre die bedeutendsten Ver- 
änderungen erfahren. Denn sie ist eben eine biologische Theorie, 
aber keine Thatsache. Wir erinnern daran, wie verschieden 
sich der Grundgedanke derselben im Laufe dieser vier Decennien 
gestaltet hat, welche Wandelungen der Begriff der Zelle selbst 
erlitten hat. Nachdem man ursprünglich die organischen Zelleo 
als Bläschen aufgefasst hatte, aus ehier festen Kapsel und eiueia. 
flüssigen Inhalt bestehend, erkannte man spater letzteren als eine 
festflüssige, halbweiche ,,Ze!lsubstanz", als Protoplasma, und 
überzeugte sich, dass dieses Protoplasma und der davon um- 
schlossene Zellkern oder N u c 1 e u s die wichtigsten und iment- 
behrlichsten Bestandtheile der Zelle seien, wohingegen diö äussere 
feste Kapsel, die Zellmembran, unwesenthch ist und sehr häufig 
ganz fehlt. Aber selbst jetzt noch gehen die Ansichten darüber 
weit auseinander, wie eigentlich der Zellbegriff zu defioiren und 
welche Consequenzen aus der Zelltheorie zu ziehen seien. Auch 
fehlt es nicht an Versuchen, dieselbe überhaupt umzustossen und 
als werthlos hinzustellen. Namenthch hat solche Attentate der 
Göttinger Anatom Henle wiederholt versucht, derselbe „geist- 
reiche" Anatom, der in der Vorrede zu seinem grossen Lehrbuche 
der menschlichen Anatomie <lie wissenschaftlichen Begriffefür 
werthloses Papiergeld erklärte, und dagegen das edle Metall- 






p 

61 

geld der Thatsachen als einzig echte Waare pries! Vor 
Kurzem ist sogar ein dickleibiges Buch in Quart von einem Herrn 
Nathüsiüs-Königsbobn erschienen, worin die Zelle überhaupt für 
ein untergeordnetes Form-Element erklart und die Zellentheorie 
als überflüssig eliminirt wird; und dieses Monstrum, voll des er- 
heitemdsten Unsinns, ist Herrn Hexle gewidmet. Früher gehörte 
ViECHOW zu den siegreichen Gegnern des Göttinger Geheimen 
Bathes und schrieb glänzende Artikel gegen die ;,rationelle Patho- 
logie^ des „irrationellen Herrn Hexle"; heute wird er wahr- 
Mheinlich mit ihm darin übereinstimmen, dass das Papiergeld 
to Begriffe Nichts werth ist gegenüber dem edlen Metall der 
Ihatsachen. Natürlich verliert dann aber auch die Zellen-Theorie 
labst allen Werth und darf nicht Gegenstand des Unterrichts 
sdn; denn auch die Zelle selbst ist ja keine sichere, unzweifel- 
hafte Thatsache, sondern eine Abstraction, ein philosopliischer 
Begriff! 

Welche vollständige Wandlung der wichtigsten Principien, 
wdche totale Metaspychose auf diesem Gebiete Virchow erlitten 
hat, das zeigt Nichts deutlicher, als sein berühmter, schon 1855 
anigestellter Satz: „Omnis cellula e cellula'M Unzweifelhaft ist 
das die kühnste Generalisaticm, zu der sich der freie, jugendliche 
Virchow jemals erhoben hat, und auf die er sich mit Recht nicht 
wenig zu Gute that. Wiederholt vergleicht er selbst diesen Satz 
mit Hasvky's epochemachendem „Omne vivum ex ovo"! Aber 
80 wenig das letztere , so wenig ist auch das erstere in seiner 
Allgemeinheit richtig. Vielmehr wissen wir jetzt, dass nicht jede 
Zdle nothwendig aus einer Zelle entsteht, so wenig als jedes 
organische Individuum aus einem Ei entsteht. In vielen Fallen 
entstehen echte kernhaltige Zellen aus kernlosen Cytoden, wie bei 
den Gregarinen, Myxomyceten u. s. w. Die ältesten organischen 
Zellen können sogar einzig und allein aus nichtzelligen Plasti- 
ken, ans Moneren entstanden sein, indem das homogene Plasson 
der letzteren sich in inneren Nucleus und äusseres Protoplasma 
sonderte. Wenn wir auch die meisten Ausnahmen erst später 
kennen gelernt haben, so musste doch damals jene Generalisation 



62 



ViKCHOw's um so gewagter erscheinen, als wir zu jener Zeit weit 
entfernt davon waren , alle verschiedenen Gewebe der höheren 
Thiere mit Sicherheit auf die Zelle zurüchführen zu können, und 
ala für die sogenannte „freie Zellbildung" nicht wenige Erfahrungen 
zu sprechen schieueii. Jenen leitenden Satz, der die Zellentheorie 
mächtig förderte, muss VmcHow von seinem heutigen Standpunkte 
aus als ein schweres Vergehen gegen die exacte Wissenschaft ver- 
dammen, und dass er diese ,, unbewiesene Hypothese",' die sich 
nachher in ihrer Allgemeinheit als falsch herausstellte, als wich- 
tigen Lehrsatz verbreitete, das darf er sich selbst nicht ver- 
zeihen! 

Viel schlimmere Verstösse gegen seine eigenen heutigen 
Principien werden wir freilich dann noch finden, wenn wir uns in 
VmcHow's Special-Fach begeben, in das Gebiet der patho- 
logischen Anatomie und Physiologie, den wichtigsten 
Theil der theoretischen Medicin. Die grossartigen und unver- 
gleichlichen Verdienste, welche sich Vibchow hier erwarb, beruhen 
nicht auf den zahlreichen einzelnen neuen Thatsachen, die er 
fand, sondern auf den balmbrechenden Theorien, auf den geistr 
reichen Hypothesen, durch welche er den todten Wust des 
pathologischen Wissens zu einer lebendigen Wissenschaft zu ge- 
stalten versuchte. Diese neuen Theorien und die ihnen zu Grunde 
Hegenden Hypothesen überlieferte Vibchow damals uns Schülern 
mit einer so bestechenden Sicherheit, dass Jeder von uns fest von 
ihrer Wahrheit überzeugt war; und doch hat die spätere Er- 
fahrung herausgestellt, dass dieselben theilweise ungenügend be- 
gründet, theilweise ganz falsch waren. Ich erinnere hier bei- 
spielsweise nur an seme berühmte Bindegewebs-Theorie, 
für die ich selbst in mehreren meiner ersten Arbeiten (1856, 
1858) eine Lanze gebrochen habe. Diese Theorie schien eine 
Menge der wichtigsten physiologischen und pathologischen Er- 
scheinungen in der einfachsten Weise zu erklären, und doch hat 
sie sich spater als falsch herausgestellt. Trotzdem behaupte ich 
noch heute, dass dieselbe für die Entwickelung unserer Kenntnisse 
der Bindegewebs-Fonnationen als leitende Hj-pothese, als heuri- 



63 



Biehtschnur der Forschung die grössten Dienste geleistet 

ViBCHOw hingegen, weim er unbefangen die Verbreitung be- 

die er dieser „Irrlehre" gegeben hat, muss sich schwere 

Tonrnrfe darüber machen. Denn: „Wir müssen strenge unter- 

zwischen dem, was wir lehren wollen, und dem, wo- 

wir forschen wollen. Das wonach wir forschen, das sind 

Probleme. Aber das Problem soll nicht ohne Weiteres Gegen- 

sund der Lehre sein." Dass Virchow diesen obersten Grund- 

sttz seiner heutigen Lehr- Anschauungen in seinem eigenen Unter- 

Ddit tagtäglich verläugnet hat, dass er in jeder Stunde seinen 

Schölem ,,unbe\\iesene Theorien und problematische Hypothesen" 

fddirt hat, dass weiss Jeder, der gleich mir jahrelang und mit 

{ifestem Interesse seinen ausgezeichneten Unterricht genossen 

f kt Beruhte doch der fesselnde Reiz dieses UnteiTichts — trotz 

der mangelhaften Methode des unvorbereiteten Vortrags — gerade 

darauf, dass Virchow als Lehrer uns seine Schüler bestandig an 

doi Problemen Theil nehmen liess, mit denen er selbst sich' 

ingenblicklich beschäftigte, dass er uns seine individuellen Hyi)o- 

ihesen zur Erklärung der Thatsachen überlieferte. Und welcher 

g^ßtreiche und in seiner Wissenschaft lebende Lehrer würde 

das nicht thun? Wo gibt es und wo hat es jemals einen 

grossen Lehrer gegeben, der sich in seinem Unterrichte auf die 

trockene Mittheilung der sicheren, unzweifelhaft festgestellten 

Thatsachen beschränkt hätte? Der nicht vielmehr den Reiz 

und Werth seines Unterrichts gerade in der Lehre der Probleme 

gefanden hätte, die sich an jene Tliatsachen knüpfen; in der 

Lehre der unsicheren Theorien und wechselnden Hypothesen , die 

an* Erklärung jener Probleme dienen? Und gibt es für den 

jugendlich strebenden Geist etwas Bildenderes und Besseres, als 

dieUebung des Denkens an den Problemen der Forschung? 

Wie widersinnig und unausführbar daher Virchow's Forderung 

ist, nur sichere Thatsachen und keine problematischen Theorien 

zum Unterricht zuzulassen, das ergibt noch viel schlagender ein 

Bück auf die übrigen Gebiete menschlichen Wissens. Was bleibt 

von der Geschichte, von der Sprachwissenschaft, von der Staats- 




I 



64 



Wissenschaft, von der Rechtswissenschaft übrig, wenn wir uns im 
Unterricht auf die Lehre von absolut sicher festgestellten Thatr 
Sachen beschränken sollen? Was bleibt von „Wissenschaft" darin 
übrig, wenn der Gedanke, der die Ursachen der Thatsachen zu 
erkennen strebt, daraus verbannt ist? wenn die Probleme, die 
Theorien, die Hypothesen, welche jene Ursachen suchen, überhaupt 
nicht gelehrt werden dürfen V Dass die Philosophie, die 
Wissenschaft vom Wissen, die Wissenschaft, in der alle allgemeinen 
Resultate menschlicher Erkenntniss zu einem einheitlichen grossen 
Ganzen verbunden werden sollen, dass die Philosophie demnach 
überhaupt nicht gelehrt werden darf, .dass versteht sich nach 
VmcHow von selbst! 

Bleibt schliesslich nichts Anderes übrig, als die Theologie! 
Die Theologie allein ist die einzige „wahre Wissenschaft" und 
ihre Dogmen allein dürfen als sicher gelehrt werden ! Natürlich I 
Denn sie schöpft unmittelbar aus der Offenbarung, und nur 
die göttliche Offenbarung ist „ganz sicher", nur sie kann nie 
irren 1 Ja, so unglaubhch es khngt, Viechow, der skeptische Be- 
kampfer der Dogmen, der Vorkämpfer der „Freiheit der Wissen- 
schaft", ViBCHOw findet jetzt die einzig sicheren Grund- 
lagen desUnterrichts im Dogma der Kirchen-Religion! 
Keinen Zweifel darüber Iftsst nach allem Vorhergegangenen der 
folgende denkwürdige Satz (S. 29) : „Jeder Versuch, unsere 
Probleme zu Lehrsätzen umzubilden, imsere Vermuthungen als 
die Grundlagen des Unterrichts einzuführen, der Versuch 
insbesondere , die Kirche einfach zu depossediren und ihr 
Dogma ohne Weiteres durch eine Descendenz-Religion zu er^ 
setzen, ja meine Herren, dieser Versuch muss scheitern, und er 
wird in seinem Scheitern zugleich die höchsten Gefahren för dia 
Stellung der Wissenschaft überhaupt mit sich bringen!" 

Der Jubebuf der ganzen clericalen Presse über VmcHow's 
Mönchener Rede wird hiemach jedem begreiflich sein! Ueber 
einen bekehrten reuigen Sünder heiTscht bekanntlich im Himmel 
zehnmal mehr Freude als über zehn Gerechte. Wenn Rüdou 
Viechow, der ,, berüchtigte Materialist" der „radlcale Fortschritts- 



r 



65 



mann", der Hauptvertreter des „Atheismus der Wissenschaft", 
^tzlich sich so vollständig bekehrt, wenn er laut und offen die 
,J)ogmen der Kirche" als die einzig sicheren „Grundlagen des 
Unterrichts" proclamirt, dann darf die streitende Kirche wohl 
„Hosianna in der Höhe" singen! Zu bedauern bleibt nur das 
Eine, dass VntcHOw sich nicht näher darüber ausgesprochen hat, 
welche von den vielen verschiedenen Kirchen-Religionen die einzig 
wahre ist, und welche von den zahllosen verschiedenen und sich 
widersprechenden Dogmen die sicheren Grundlagen des Unter- 
richts werden sollen! BekanntUch hält jede Kirche sich für die 
allein seligmachende und ihr besonderes Dogma für das allein 
wahre. Ob nun Protestantismus oder KathoUcismus , ob refor- 
mirte oder lutherische Confession, ob angücanisches oder pres- 
byterianisches Dogma, ob römische oder griechische Kirche, ob 
mosaische oder islamitische Lehre, ob Buddhaismus oder Bra- 
maismus , oder ob endUch eine der vielen Fetisch-Religionen der 
Indianer oder Neger die bleibende und sichere „Grundlage des 
Unterrichts" werden soll, darüber wird uns hoffentUch Virchow 
in der nächsten Versammlung der deutschen Naturforscher und 
Aerzte seine Ansicht nicht vorenthalten. 

Jedenfalls wird der „Unterricht der Zukunft nach 
ViECHOw" dadurch sehr vereinfacht werden. Denn das Drei- 
dnigkeits-Dogma als Grundlage der Mathematik, das Dogma von 
der Auferstehung des Fleisches als Grundlage der Medicin, das 
Dogma von der Unfehlbarkeit als Grundlage der Psychologie, das 
Dogma von der unbefleckten Empfängniss als Grundlage der 
Zeugungslehre, das Dogma vom Stillstand der Sonne als Grund- 
lage der Astronomie, das Dogma von der Schöpfung der Erde, 
der Thiere und Pflanzen als Grundlage der Geologie und 
Phylogenie, diese oder beliebige andere Dogmen aus anderen 
Kirchen machen alle weiteren Lehren ziemlich überflüssig ! Virchow, 
diese „kritische Natur", weiss natürlich so gut wie ich und wie 
jeder andere Naturforscher, dass diese Dogmen nicht wahr 
sind, und dennoch sollen sie nach seiner Ansicht als „Grund- 
lagen des Unterrichts" nicht durch die Theorien und Hypo- 

H a e ck e 1 , Freie Wissenschaft. 5 



66 



thesen der neuen Naturwissenschaft ersetzt werden, von denen 
ViRCHOw selbst sagt, dass sie wahr sein können, wahrscbein- 
lich grossentheils wahr sind, aber noch nicht ,.gan2 sicher be- 
wiesen sind"! 

Auf S. 15, 24, 26, 28 u. s. w. in seiner Münchener Rede 
dringt Vibchow dai-auf, dass nur das objeetive Wissen gelehrt 
werden darf, das wir in den absolut sicheren Thatsachen be- 
sitzen 1 Und auf S. 29 verlangt er dann zum Schhiss, dass die 
Grundlagen des Unterrichts die rein subjectiven Dogmen der 
Kirche bleiben sollen, Otfenbaningen und Lehrsätze, die nicht nur 
nicht durch irgend welche Thatsachen bewiesen sind, sondern im 
Gregentheil mit den handgreiflichsten Thatsachen der naturwissen- 
schaftlichen Erfahrung im schneidendsten Widerspruche stehen 
und der menschlichen Veraunft einfach in's Gesicht schlagen! 
Freilich sind diese Widerspmche nicht grösser als andere, die 
sich in Virchow's Rede schroff und unbegreiflich gegenüber 
stehen. So verherrücht er im Eingang seiner Rede Loeekz Okbn 
und beklagt es tief, ,,dass auch er, dieser geschätzte, dieser ge- 
feierte Lehrer, diese Zierde der Hochschule Münchens, im Exü 
sterben musste! Das bittere Exil, welclies Oken's letzte Jahre 
bedrückte, welches ihn fern von denjenigen Statten, an denen er 
die besten Kräfte seines Lebens geopfert hatte, hinsiechen liesa, 
dieses Exil wü-d die Signatur der Zeit bleiben, welche wir über- 
wunden haben. Und so lange es eine deutsche Naturtbrscher- 
Versanmilnng gibt, so lange sollen wir uns dankbar erinnern, 
dass dieser Mann bis zu seinem Tode alle Zeichen des Mär- 
tyrers an sich getragen hat, so lange sollen wir auf ihn weisen, 
als auf einen jener Blutzeugen, welche die Freiheit der Wissen- 
schaft für uns erkämpft haben"! Wahrlich diese wahren Worte 
Uingen heute in Virchow's Mund fast wie bittere Ironie! Denn 
war nicht gerade Lorenz Oken einer der ersten und der eifrigsten 
Vorkämpfer dersel])en monistischen Entwickelungslehre, die heute 
Rtjdolf Virohow auf das heftigste bekämpft? Ist nicht gerade 
OsEN im Aufbau kühner Hypothesen und umfassender Theorien 
viel weiter gegangen^ als irgend ein Anhänger der Entwickelungs- 



r 



67 



ii . 



Idire in der Gegenwart? Gilt nicht gerade Oken mit Recht als 

der typische Vertreter jener älteren Naturphilosophie, die im 

Icähnen Phantasie-Fluge sich viel höher erhob und weit mehr vom 

sicheren Boden der Thatsachen entfernte, als irgend ein Jünger 

der neueren Naturphilosophie? Noch grösser freilich scheint 

nns die Ironie, mit der Virchow am Eingange seiner Rede den 

freien Lehrer Oeen als Märt}Ter der freien Wissenschaft feiert 

ttixd am Ende derselben verlangt, dass diese „Freiheit der Wissen- 

soliaft" nur der Forschung, aber nicht der Lehre gilt, und 

d^3.ss der Lehrer keine Probleme, keine Theorien, keine Hypo- 

*lxesen lehren darf! 

Wenn diese unerhörte Forderung schon VmcHOw's Pä- 
dagogik im wunderlichsten Lichte zeigt und wenn jeder un- 
befangene und erfahrene Pädagoge schon gegen diese Zwangs- 
jacke des Unterrichts auf das Entschiedenste protestiren muss, 
So wird er nicht minder der anderen sonderbaren Forderung des- 
selben entgegentreten müssen, dass jede sicher erkannte Wahr- 
heit sofort in der Schule bis zur Elementarschule herab gelehrt 
werden soll. Ich selbst hatte in meiner Münchener Rede den 
pädagogischen Werth unserer monistischen Entwickelungslehre vor 
Allem in der genetischen Methode gesucht, in der Frage 
nach den bewirkenden Ursachen der zu lehrenden Thatsachen, 
und hatte darauf hinzugefügt: „Wie weit die Grundzüge der all- 
gemeinen Entwickelungslehre schon jetzt in die Schulen 
einzuführen sind, in welcher Reilienfolge ihre wichtigsten Zweige: 
Kosmogenie, Geologie, Phylogenie der Thiere und Pflanzen, An- 
thropogenie in den verschiedenen Klassen zu lehren sind, das zu 
bestimmen, müssen wir den praktischen Pädagogen überlassen. 
Wir glauben aber, dass eine weitgreifende ReformdesUnter- 
richts in dieser Richtung unausbleiblich ist und vom schönsten 
Erfolge gekrönt sein wird." Auf eine nähere Erörterung dieser 
pädagogischen Frage verzichtete ich absichtlich, da ich mich den 
Schwierigkeiten ihrer Lösung nicht entfernt gewachsen fühle 
und in der That glaube, dass nur gewiegte und erfahrene Pä- 
dagogen ihre Lösung mit Erfolg unternehmen können. 



5* 



68 



I 



Für ViBCHOw scheinen diese pädagogischen Schwierigkdten 
nicht zu bestehen; er erklärt meinen obigen Verzicht für eine 
„Verschiebung der Aufgaben", und antwortet darauf 
mit folgenden überraschenden Sätzen : „Wenn die Descendenz- 
Theorie so sicher ist, wie Herr Haeckel annimmt, dann müssen 
wir verlangen, dann ist es eine nothwendige Forderung, 
dass sie auch in die Schule muss. Wie wäre das denkbar, 
(lasa eine Lehre von solcher Wichtigkeit , die so vollkommen 
revolutionirend eingreift in jedes Bewusstsein, die unmittelbar eine 
Art von neuer Religion schafft, nicht ganz in den Scbtil-Plan 
eingefügt würde! Wie wäre es möglich, eine solche — Enthüllung, 
kann ich ja sagen, in der Schule gewiasermassen todtziischweigen, 
oder die Ueberlieferung der grössten und wichtigsten 
Fortschritte, die unsere Anschauungen im ganzen Jahrhundert 
gemacht haben, in das Ermessen des Pädagogen zu stellen! Ja, 
meme Herreu , das wäre in der That eine Resignation der 
schwersten Art, und in Wirklichkeit würde sie auch gar nicht 
geübt werden! Jeder Schulmeister, der diese Lehre in sich aaf- 
nähme, würde sie auch unwillkürhch lehren; wie sollte er das 
Anders machen" 1 

Es sei mir gestattet, hier Viechow scharf beim Worte za 
nehmen. Ich unterschreibe wörtlich fast Alles, was er in diesen 
und in den darauf folgenden Sätzen sagt. Der einzige Unter- 
schied in unseren Ansichten ist nur der, dass Virchow die De- 
scendenz- Theorie für eine unbewiesene und unbeweisbare 
Hypothese tiält, ich hingegen für eine völlig bewiesene und un- 
entbehrliche Theorie. Wie aber nun, wenn die Lehrer, von 
denen VmcHOw spricht, sich meiner Ansicht anschliessen , wenn 
sie — abgesehen natürhch von allen einzelnen Descendenz- 
Hypothesen — die allgemeine Descendenz-Theorie, gleich mir, 
für die unentbehrhche Basis des biologischen Unterrichts erklären ? 
Und dass das wirkhch der Fall ist, davon müsste sich VmcHov? 
leicht überzeugen können, wenn er sich die neuere zoologische iind 
botanische Literatur ansähe ! Unsere ganze moi'phologische 
Literatur insbesondere ist bereits ao tief und vollständig von der 



69 



Descendenz-Lehre durchdrungen , die phylogenetischen Grund- 
Gedanken gelten bereits allgemein als so sichere und unentbehr- 
liche Forschungs-Instruniente, dass kein Mensch sie wieder daraus 
vertreiben wird. Wie Oscar Schmidt mit Recht sagt, sind „etwa 
neunundneunzig Procent der jetzt lebenden, sagen wir üeber 
arbeitenden Zoologen, auf inductivem Wege von der Wahr- 
heit der Abstammungslehre überzeugt worden." Virchow wird 
also mit seiner pädagogischen Forderung nur das Gegentheil von 
dem erreichen, was er beabsichtigt hat. Wie oft ist es nicht 
schon gesagt worden : die Wissenschaft hat entweder volle Frei- 
heit oder sie hat gar keine. Das gilt aber ganz ebenso von 
der Lehre, wie von der Forschung, denn beide sind innig 
und untrennbar verbunden. Und desshalb heisst es nicht 
umsonst in §. 152 der Deutschen Reichs- Verfassung und in §. 20 
der Preussischen Verfassungs-Urkunde: „Die Wissenschaft 
und ihre Lehre ist frei"! 



VI. Descendenz-Theorie nnd Social-Demokratie. 

Jede grosse und umfassende Theorie, welche die Grundlagen 
menschlicher Wissenschaft berührt und somit die philosophischen 
Systeme beeinflusst, wird zwar zunächst nur die Theorie der Welt- 
anschauung fordern, aber weiterhin sicher auch eine Rückwirkung 
auf die praktische Philosophie, die Ethik, und die damit zusam- 
menhängenden Gebiete der ReUgion und der Politik ausüben. 
Welche segensreichen Folgen nach meiner Ueberzeugung unsere 
heutige Entwickelungslehre in dieser Beziehung nach sich ziehen 
wird, indem die wahre, auf Vernunft gegründete Natur- 
religion an die Stelle der dogmatischen Kirchen -Religion tritt, 
und deren Grundlage, das menschliche Pflichtgefühl aus den 
socialen Instincten der Thiere historisch ableitet, das hatte 
ich in meinem Münchener Vortrage nur kurz angedeutet (S. 18). 

Die Beziehung auf die ^^socialen Instincte^, die ich gleich 
Darwin und vielen Anderen für die eigentlichen Urquellen , der 
sittlichen Entwickelung halte, scheinen nun für Virchow Ver- 
anlassung gegeben zu haben, in seiner Gegenrede die Descendenz- 
lehre für eine ^socialistische Theorie" zu erklären und ihr 
somit den gefährlichsten und verwerflichsten Character beizulegen, 
den gerade in der Gegenwart eine politische Theorie haben kann. 
Die betreffenden erstaunlichen Denunciationen haben übrigens 
gleich nach ihrem Bekanntwerden solche gerechte Entrüstung und 
so eingehende Widerlegung hervorgerufen, dass ich hier füglich 
darüber hinweggehen könnte. Doch wollen wir sie wenigstens in- 
soweit kurz beleuchten, als sie einen neuen Beweis dafür liefern, 




71 



s ViECHOw mit den wichtigsten Grundsfltzeii der heutigen Ent- 
nckelungslehre unbekannt und daher zu ihrer Beurtfaeilung 
fincompetent ist. Uebrigens legte Viechow als Politiker oEfen- 
■ gerade auf diese politische Nutzanwendung seiner Rede be- 
sonderes Gewiclit, indem er ihr den sonst wenig passenden Titel 
„Die Freiheit der Wissenschaft im modernen Staate." Leider 
r niu- vergessen, diesem Titel die zwei Worte hinzuzufügen, 
1 denen die eigentliche Tendenz seines Vortrags gipfelt, die zwei 
dialtsschweren Worte; „muss aufhören"! 

Die überraschenden Enthüllungen, in denen Vihchow die heu- 
tige Entwickelungslehre, und speciell die Abstammungslehre, als 
ftgemeingefahrhche soclalistiscbe Theorien denuncirt, lauten folgen- 
Ldermassen: ,,Nun stellen Sie sich einmal vor, wie sich die De- 
Äflcendenz-Theorie heute schon im Kopfe eines Socialisten dar- 
Istellt! Ja, meine Herren, das mag Manchem lacherüch erschei- 
^fien, aber es ist sehr ernst, und ich will hoffen, dass die De- 
äcendenz-Theorie für uns nicht alle die Schrecken bringen möge, 
die ähnliche Theorien wirkhch im Nachbarlaude angerichtet haben. 
Immerhin hat auch diese Theorie, wenn sie consequeut durch- 
geführt wird, eine ungemein bedenkliche Seite, und dass 
bder Socialismus mit ihr Fühlung gewonnen hat, wird Ihnen 
ViioÖentlich nicht entgangen sein. Wir müssen uns das ganz klar 
f machen!" 

Erstaunt frage ich mich beim Lesen dieser Sätze, die der 

|'£erliner „Krenzzeitung" oder dem Wiener „Vaterland" entnommen 

I sein scheinen: Was in aller Welt hat die Descendenz-Theorie 

Imit dem Socialismus zu thun? Schon vielfach, von verschiedenen 

■Seiten und seit langer Zeit ist darauf hingewiesen worden, dass 

Idiese beiden Theorien sich vertragen wie Feuer und Wasser. Mit 

I-Becht konnte Oscak Schmidt entgegnen : „Wenn die Suciahsten 

War denken würden, so müsstea sie Alles thun, um lüe Descen- 

tdenzlcln'e zu verheimlichen; denn sie predigt überaus deutlich, 

Idass die socialistischen Ideen unausführbar sind." und 

■.er fügt weiter hinzu : „Aber warum hat Yiechow nicht die milden 

Lehren des Cbristenthums für die Ausschreitungen des Socialis- 



72 



mus verantwortlich gemacht? Das hatte noch einen Sinn! Seine 
in's grosse Publicum geworfene Denunciation, so mysteriös, 
80 zuversichtlich, als handelte es sieh um „eine sicher beglanhigte 
wissenschaftliche Wahrheit", und doch so hohl, vermag ich mit 
der Würde der Wissenschaft nicht in Einklang zu bringen." 

Bei diesen leeren Beschuldigungen wie bei allen den hohlen 
Vorwürfen nnd grundlosen Einwendungen, welche Vibchow der 
Entwickelungslehre macht, hütet er sich wohl, irgendwie auf dea 
Kern der Sache einzugehen. Wie wäre das auch möglich, ohne 
zu ganz entgegengesetzten, als zu den von ihm prociamirten Conse- 
quenzen zu gelangen? Deutlicher als jede andere wissenschaft- 
üche Theorie predigt gerade die Descendenz- Theorie, dass die 
vom Socialismus erstrebte Gleichheit der Individuen eine Unmög- 
lichlceit ist, dass sie mit der thatsfLchlich überall bestehenden und 
nothwendigen Ungleichheit der Individuen in unlöshchera Wider- 
spruch steht. Der Socialismns fordert für alle Staatsbürger 
gleiche Rechte, gleiche Pflichten, gleiche Güter, gleiche Genüsse; 
die Descendeuz-Theorie gerade umgekehrt beweist, dass die 
Verwirklichung dieser Forderung eine baare Unmöglichkeit ist, 
dass in den staatlichen Organisations-Verbänden der Menschen, 
wie der Thiere, weder die Rechte nnd Pflichten, noch die Güter 
und Genüsse aller Staatsglieder jemals gleich sein werden, noch 
jemals gleich sein können. Das gi'osse Gesetz der Sonderung 
oder Differenziruug lehrt ebenso in der allgemeinen Ent- 
wickelnngs-Theorie, wie in deren biologischem Theile, der .De- 
acendenz-Theorie, dass die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen aus 
der ursprünglichen Einheit, die Verschiedenartigkeit der Leistun- 
gen aus der ursprünglichen Gleichheit, die zusammengesetzte 
Organisation aus der ursprünglichen Einfachheit sich entwickelt. 
Die Existenz - Bedingungen sind für alle Individuen von Anfang 
ihrer Existenz an ungleiche, sogar auch die ererbten Eigenschaften, 
die „Anlagen", sind mehr oder minder ungleich, wie können da 
die Lebens-Aufgaben nnd deren Ergebnisse überall gleiche sein? 
Je höher das Staatslehen entwickelt ist, desto mehr tritt das 
grosse Princip der Arbeitstheilung in den Vordergrund, desto 



73 

mehr verlangt der Bestand des ganzen Staats, dass seine Glieder 
sich in die mannigfaltigen Aufgaben des Lebens vielfach theilen; 
und wie die von den Einzelnen zu leistende Arbeit und der da- 
mit verbundene Aufwand von Kraft, Geschick, Vermögen u. s. w. 
höchst verschiedenartig ist, so muss naturgemäss auch der Lohn 
dieser Arbeit höchst verschieden sein. Das sind so einfache und 
handgreifliche Thatsachen, dass man meinen soUte, jeder vernünf- 
tige und vorurtheilsfreie Politiker sollte die Descendenz-Theorie, 
wie überhaupt die Entwickelungslehre, als bestes Gegengift gegen 
den bodenlosen Widersinn der socialistischen Gleichmacherei em- 
pfehlen ! 

Vollends der Darwinismus, die Selections - Theorie, den 
ViBCHOw bei seiner Denunciation wohl eigentlich mehr im Auge 
gehabt hat, als den stets damit verwechselten Transformismus, die 
Descendenz-Theorie! Der Darwinismus ist aUes Andere eher 
als socialistisch ! Will man dieser englischen Theorie eine be- 
stimmte politische Tendenz beimessen, — was allerdings möglich 
ist — , so kann diese Tendenz nur eine aristokratische sein, 
durchaus keine demokratische, und am wenigsten eine socialistische I 
Die Selections-Theorie lehrt, dass im Menschen-Leben wie im 
Thier- und Pflanzen-Leben überall und jederzeit nur eine kleine 
bevorzugte Minderzahl existiren und blühen kann; während die 
übergrosse Mehrzahl darbt und mehr oder minder firühzeitig elend 
zu Grunde geht. Zahllos sind die Keime jeder Thier- und Pflan- 
zen-Art, und die jungen Individuen, die aus diesen Keimen her- 
vorgehen. Unverhältnissmässig gering ist dagegen die Zahl der 
glücklichen Lidividuen unter jenen, die sich bis zur voUen Reife 
entwickeln und ihr erstrebtes Lebensziel wirklich erreichen. Der 
grausame und schonungslose „Kampf um's Dasein", der überall 
in der lebendigen Natur wüthet, und naturgemäss wüthen muss, 
diese unaufhörliche und unerbittliche Concurrenz alles Leben- 
digen, ist eine unleugbare Thatsache ; nur die auserlesene Minder- 
zahl der bevorzugten Tüchtigen ist im Stande, diese Concurrenz 
glücklich zu bestehen, während die grosse Mehrzahl der Concur- 
renten nothwendig elend verderben muss! Man kann diese 



74 



tragische Thataache tief beklagea, aber man kann sie weder 
wegleugnen noch ändern. Alle sind berufen, aber Wenige sind 
auserwählet ! Die Selection, die „Auslese" dieser „Auserwähl- 
ten" ist eben nothwendig mit dem Verkünunern und Untergang 
der übrig bleibenden Mehrzahl verknüpft. Ein anderer engtischef 
Forscher bezeichnet daher auch den Kern des Darmnisraus ge^ 
radezu als das „U e h er 1 e b eii des Passendsten", als den 
„Sieg des Besten". JedenfaUs ist dieses Selections-Princip nichtS' 
weniger als demokratisch, soudern im Gegentheil aristokra- 
tisch im eigentlichsten Sinne des Worts! Wenn daher der Dar- 
winismus nach VmcHOw, consequent durchgeführt, fiü- den Politiker 
eine „ungemein bedenkliche Seite" hat, so kann diese nur darin 
gefunden werden, dass sie aristokratischen Bestrebungen Vorschub 
leistet. Wie aber der beutige SociaUsmus an diesen Bestrebungen' 
seine Freude haben soll, und wie die Schrecken der Pariser Com- 
mune darauf zui-ückzufiihren sind, dass ist mir, ofi'eu gestanden, 
absolut unbegreiflich! 

Uebrigens möchten wir hei dieser Gelegenheit nicht unter- 
lassen dai-auf hinzuweisen, wie gefährüch eine derartige unmittel- 
bare üebertragung naturwissenschaftlicher Theorien auf das 
Gebiet der praktischen Politik ist. Die höchst verwickelten Ver- 
hältnisse unseres heutigen Culturlebens erfordern von dem prak- 
tischen Politiker eine so umsichtige und unbefangene Berück- 
sichtigung, eine so gründüche historische Vorbildung und kritische 
Vergleichung, dass derselbe immer nur mit grösster Vorsicht und 
Zurückhaltung eine derartige Nutzanwendung eines ,, Naturgesetzes' 
auf die Praxis des Culturlebens wagen wü-d. Wie ist es nun 
möglich, dass Vikchow, der erfahrene und gewiegte PoUtikra:, 
der selbst überall Vorsieht und Zui-ückhaltung in der Theorie 
predigt, mit einem Male eine solche Anwendung vom Transformis- 
mns und Darwinismus macht, eine so gi-undverkelute Anwendung, 
dass sie den eigcnthchen Grundgedanken dieser Lehren geradezu 
in's Gesicht schlägt? 

Ich selbst bin nichts weniger als Pohtiker. Mii- fehlt dazu, 
im Gegensatze zu Vikchow, ebenso das Talent und die Vorbil- 



r 



I- 



75 

dang, wie die Neigung und der Beruf. Ich werde daher weder 
in Zukunft eine politische Rolle spielen, noch habe ich früher je- 
mals einen Versuch dazu gemacht. Wenn ich hier und da ge- 
legentlich eine politische Aeusserung gethan oder eine politische 
Nutzanwendung naturwissenschaftlicher Theorien gegeben habe, 
so haben diese subjectiven Meinungen keinen objectiven Werth. 
Im Grunde genommen habe ich damit ebenso das Gebiet meiner 
Competenz tiberschritten, wie VmcHOw, wenn er sich auf zoologi- 
sche Fragen und namentlich auf den Transformismus der Aflfen 
einlässt. Ich bin in der politischen Praxis ebenso Laie, wie Vir- 
CHOw im Gebiete der zoologischen Theorie. Uebrigens machen 
mich auch die Erfolge, welche Virchow während seiner zwanzig- 
JÄhrigen mühseligen, unerquicklichen und aufreibenden Thätigkeit 
als Politiker erzielt hat, wahrlich nach solchen Lorbem nicht 
löstem ! 

Das aber darf ich als theoretischer Naturforscher von den 
praktischen Politikern wohl verlangen, dass sie bei politischer 
Verwerthung unserer Theorien sich zuvor mit denselben genau 
bekannt machen. Sie werden es dann in Zukunft wohl unter- 
lassen, gerade das Gegentheil von demjenigen daraus zu schliessen, 
Was vemunftgemäss daraus erschlossen werden muss. Miss- 
verständnisse werden niemals dabei ganz ausbleiben; aber welche 
Lehre ist denn überhaupt von „Missverständnissen" sicher? Und 
aus welcher gesunden und wahren Theorie können nicht die un- 
gesundesten und wahnwitzigsten Folgerungen abgeleitet werden? 
Wie wenig Theorie und Praxis im Menschenleben überein- 
stimmen, wie wenig gerade die berufenen Vertreter herrschender 
Lehren sich befleissigen, die natürlichen Folgen derselben für das 
practische Leben zu ziehen, das zeigt vielleicht Nichts so auf- 
fallend, als die Geschichte des Christenthums. Sicher 
enthält die christliche Religion, ebenso wie die buddhistische, von 
allem dogmatischen Fabelkram entkleidet, einen vortrefflichen 
humanen Kern; und gerade jener humane, im besten Sinne 
„social-demokratische" Theil der christlichen Lehren, der 
die Gleichheit aller Menschen vor Gott predigt, das „Liebe deinen 



76 



Nächsten als dich selbst", überhaupt die „Liebe" im edelsten 
Sinne, das Mitgefühl mit den Armen und Elenden u. s. w., ge- 
rade diese wahrhaft humanen Seiten der Christenlehre sind so 
naturgemäss, so edel, so rein, dass wir sie unbedenklich auch in 
die Sittenlehre unserer monistischen Naturreligion aufiiehmen. Ja 
die „socialen Instincte" der höheren Thiere, auf welche wir- 
letztere gründen (z. B. das bewunderungswürdige Pflichtgefühl 
der Ameisen u. s. w.), sind in diesem besten Sinne geradezu 
„christlich"! 

Und was, fragen wir, was haben nun die berufenen Vertreter, 
ihre ,, gottgelehrten" Priester aus dieser „Religion der Liebe" ge- 
macht? Mit blutigen Lettern steht es seit 1800 Jahren in der 
Culturgeschichte der Menschheit eingeschrieben! Alles was sonst 
noch verschiedene Kirchen-Relif^onen für gewaltsame Ausbreitung 
ihrer Lehren und für Ausrottung der andersgläubigen Ketzer ge- 
leistet haben. Alles was die Juden gegen die Heiden, die römi- 
schen Kaiser gegen die Christen, Muhamedaner gegen Christen- 
,und Judenthum verbrochen haben, Alles das wird übertroffen durch 
die Hekatomben von Menschen - Opfern , welche das Christenthum 
für die Verbreitung seiner Lehre gefordert hat ! Und zwar 
Christen gegen Christen ! Rechtgläubige Christen gegen nicht- 
rechtgläubige Christen! Man denke nur an die Inquisition im' 
Mittelalter, an die unerhörten und unmenschlichen Grausamkeiten, 
welche die „allerchristllchsten Könige" in Spanien, ihre 
werthen Collegen m Frankreich, in ItaHen u. s. w. begingen. 
Hunderttausende starben damals den grausamsten Flammentod, 
bloss weil sie ihre Vernunft nicht unter das Joch des krassesten 
Aberglaubens beugten, und weil ilire pflichttreue Ueberzeugimg 
ihnen verbot, die klar erkannte natürliche Wahrheit zu ver^ 
leugnen! Keine scheussliche , niedertrachtige und unmenschliche 
Handlung giebt es, die damals und bis heute nicht im Namen 
und auf Rechnung des „wahren Christenthums" begangen wurde! 

Und wie steht es vollends mit der Moral der Priester, 
die sich als Diener von Gottes Wort ausgeben und die doch zu- 
nächst die Pflicht hatten, in ihrem eigenen Leben die Heilslehren 



77 

des Christenthums zu bethätigen? Die lange, ununterbrochene 
und grauenvolle Kette von Verbrechen aller Art, welche die Ge- 
schichte der römischen Päpste bezeichnen, gibt darauf die beste 
Antwort. Und wie diese „Stellvertreter Gottes auf Erden", so 
haben auch ihre untergeordneten Helfer und Helfershelfer, so 
haben auch die „rechtgläubigen" Priester anderer Confessionen 
nicht ermangelt, die Praxis ihres eigenen Lebenswandels in mög- 
lichst schroflFen Contrast zu den edlen Lehren der christlichen 
Liebe zu setzen, die sie beständig im Munde führen! 

Wie mit dem Christenthum , so geht's aber auch mit allen 
andern Religionslehren und Sittenlehren, so geht es mit allen 
Lehren, die in dem weiten Gebiete der praktischen Philosophie, 
in der Erziehung der Jugend, in der Bildung des Volkes ihre 
Kraft bewähren sollen. Der theoretische Kern dieser Lehren 
kann stets und tiberall, der widerspruchsvollen Natur des Men- 
schen entsprechend, mit seiner praktischen Ausbeutung in grelle- 
stem Widerspruch stehen. Was geht das Alles aber den wissen- 
schaftlichen Forscher an? Dieser hat einzig und allein die 
Aufgabe, nach Wahrheit zu forschen, und das was er als Wahr- 
heit erkannt hat, zu lehren, unbekümmert darum, welche Folge- 
rungen etwa die verschiedenen Parteien in Staat und Kirche 
daraus ziehen mögen! 



Vn. Ignorabimns et Restringamur. 

Das gefährliche Attentat, welches Virchow in München auf 
die Freiheit der Wissenschaft unternommen hat, ist nicht das 
erste seiner Art. Vielmehr ging ihm fünf Jahre früher ein ähn- 
licher Angriff voraus, der in zu innigem inneren Zusammenhange 
mit dem ersteren steht, als dass wir nicht hier schliesslich noch 
einige Worte darüber hinzufügen müssten. Unzweifelhaft ist die 
berühmte ^Ignorabimu s -Eede^ von Du Bois-REyMOKD, welche 
derselbe 1872 auf der 45sten Versammlung deutscher Natur- 
forscher und Aerzte in Leipzig hielt, nur der erste Theil desselben 
Berliner Kreuzzugs gegen die Freiheit der Wissenschaft, dessen 
zweiten Theil Virchow's ;,Restringamur-Eede" 1877 auf 
der öOsten Versammlung derselben in München darstellt. 

Der glänzende und geistreiche Vortrag Du Bois-Reymond's 
„über die Grenzen des Naturerkennens" ist seither so oft und 
von so verschiedenen Seiten discutirt worden, dass es überflüssig 
erscheinen könnte, nochmals ein Wort darüber zu sagen. Trotz- 
dem will es mir scheinen, dass man über der ausgezeichneten 
Form und dem glänzenden Beiwerk des Vortrags meistens die 
eigentlichen Schwerpunkte des Inhalts übersehen hat. Es ge- 
schieht dies überhaupt bei Du Bois-Reymond's Vorträgen sehr 
häufig, da er die Schwächen der Beweisführung und die mangelnde 
Tiefe der Gedanken höchst geschickt durch glänzende Thesen und 
Antithesen, durch treffende Bilder und blumenreiche Gleichnisse, 
kurz durch all' jenes rhetorische Phrasen-Werk zu verstecken 
weiss, in welchem der gewandte französische Nationalgeist unserem 



_79_. 

plumpen deutschen so sehr überlegen ist. Um so wichtiger ist 
es, sich durch dieses verführerische Spiel nicht blenden zu lassen, 
und insbesondere bei Ausführungen, welche die wichtigsten Grund- 
fragen der menschlichen Wissenschaft berühren, den harten Kern 
aus der wohlschmeckenden und duftenden Frucht herauszuschälen. 
Auf die Hauptschwächen der Ignorabimus-Rede habe ich schon 
gelegentlich (im Vorwort zur Anthropogenie und in einigen Noten 
22, 23 zu meiner Münchener Rede) hingewiesen, ich muss aber 
hier etwas eingehender darauf zurückkommen. 

Zwei Probleme sind es bekanntlich, welche Du Bois-Reymond 
als unübersteigUche Grenzen des Natur-Erkennens für den Menschen 
hinstellt, und zwar als Grenzen, welche der menschliche Geist 
nicht nur jetzt, im gegenwärtigen Stadium seiner Ausbildung nicht 
zu überschreiten im Stande ist, sondern auch bei weiter fort- 
schreitender Entwickelung niemals zu überschreiten im Stande 
sein werde. Das erste Problem- ist das Wesen und der Zu- 
sammenhang von Materie und Kraft, das zweite ist das mensch- 
liche Bewusstsein. 

Zunächst müssen wir nun, wie bereits in dem Vorwort zur 
Anthropogenie geschehen , entschieden gegen die Unfehlbar- 
keit Protest erheben, mit der Du Bois-Reymond diese beiden 
Probleme nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für alle 
Zukunft als unlösbar erklärt! Es wird damit einfach die Ent- 
wickelungsfähigkeit der Wissenschaft und der Fortschritt der Er- 
kenntniss hinweggeleugnet. Fast alle grossen und schwierigen 
Erkenntniss-Probleme galten den meisten oder allen Zeitgenossen 
so lange für unlösbar, so lange jeder Weg zur Erkenntniss ver- 
schlossen schien, bis endlich der bahnbrechende Genius auftrat, 
dessen klares Auge den richtigen, bisher verborgenen Weg der 
Erkenntniss entdeckte. Wir brauchen bloss an unsere heutige 
Entwickelungslehre selbst zu erinnern. Das „S c h ö p.f u n g s- 
Problem", die Frage von der Entstehung der Thier- und 
Pflanzen -Arten, galt so lange allgemein für völlig unlösbar 
und transcendent, bis der geniale Lamarck 1809 in seiner be- 
wunderungswürdigen „Philosophie zoologique" die Principien der 



80 



Descendenz-Theorie feststellte. Ja selbst dann noch galten den 
meisten ( — und darunter Vielen der hervorragendsten — ) Bio- 
logen jene Schöpfungs-Prübleme für ganz unlösbare Räthsel, uad 
erst Däewin löste dieselben 50 Jahre spater durch seine Selections- 
Theorie (1859). Wir behaupten daher, dass es kein wissenschaft- 
liches Problem gibt, von welchem man sagen darf, dass der 
menschliche Geist es auch in fernster Zukunft nie lösen werde. 
Sehr gut sagt Darwdi darüber in der Einleitung zu seiner ,, Ab- 
stammung des Menschen": „Es sind immer diejenigen, welche 
wenig wissen, und nicht die, welche viel wissen, welche positiv 
behaupten, dass dieses oder jenes Problem nie von der Wissen- 
schaft werde gelöst werden." 

Was dann weiter die zwei verschiedenen Grenzen betrilft, 
die Da Bois-Rbtmosd der menschhchen Erkenntniss für alle Zu- 
kunft stecken will, so sind dieselben nach meiner Meinung un- 
zweifelhaft eine und dieselbe. Das Problem von der Entstehung und 
dem Wesen des Bewusstseins ist nur ein specieller Fall von dem 
generellen Hauptproblem: vom Zusammenhang von Materie und 
Kraft. Du Bois-Reymond selbst deutet diese MögUchkeit am 
Schlüsse seines Vortrages an, indem er sagt: „SchUesslich ent- 
steht die Frage, ob die beiden Grenzen unseres Natui'-Erkennens 
nicht vielleicht tUe nämlichen seien, d. h. ob, wenn wir das Wesen 
von Materie und Kraft begriffen, wir nicht auch verständen, wie 
die ihnen zu Grunde liegende Substanz unter bestimmten Be- 
dingungen empfinden, begehren luid denken könne. Freilich ist 
diese Vorstellung die einfachste, und nach bekannten Forschungs- 
grundsätzen bis zu ihrer Widerlegung der vorzuziehen, wonach, 
wie vorhin gesagt wurde, die Welt doppelt unbegreiflich 
erscheint. Aber es liegt in der Natur der Dinge, dass wir auch 
in diesem Punkte nicht zur Klarheit kommen, und alles weitere 
Beden darüber bleibt müasig!" Also; „Ignorabimus"! 
Bastal 

Die Leichtigkeit, mit welcher hier Do Bois-Reymond öbOT 
den wichtigsten Theil seines Themas hinwegschlüpft, ist wirklich 
überraschend. Als ob es schliesslich doch gleichgültig sei, ob 



81 

wir ein einziges unlösbares Gmndproblem vor uns haben, oder 
zwei ganz verschiedene! Und als ob nicht eingehendes Nach- 
denken zu der Ueberzeugung führte, dass in der That das zweite 
Problem nur ein specieller Fall von dem generellen ersten Problem 
ist! Ich meinerseits kann mir das Verhältniss gar nicht anders 
vorstellen, und ich denke auch, dass „alles weitere Reden dar- 
über nicht müssig bleibt", vielmehr zu der sehr wichtigen Ueber- 
zeugung von der Einheit beider Probleme führt. Dass Du Bois- 
Reymond „auch in diesem Punkte nicht zur Klarheit gekommen" 
ist, das liegt nicht in der „Natur der Dinge", sondern, wie bei 
VmcHow, in der Natur des Forschers selbst, in seinem Mangel 
an entwickelungsgeschichtlichen Kenntnissen, und in seinem Ver- 
zicht auf jene vergleichende und genetische Methode der 
Erkenntniss, ohne welche nach meiner Ueberzeugung auch nicht 
zu einer annähernden Lösung jener höchsten und schwierigsten 
Fragen zu gelangen ist. 

Nichts scheint mir für die mechanische Erklärung des Be- 
wusstseins wichtiger zu sein, als die vergleichende Betrachtung 
seiner Entwickelung. Wir wissen, dass das neugeborene Kind 
kein Bewusstsein besitzt, sondern dass es dasselbe langsam und 
allmalig erwirbt und entwickelt. Wir sehen an uns selbst jeden 
Augenblick, wie unbewusste Thätigkeiten zu bewussten werden 
und umgekehrt. Zahlreiche Thätigkeiten, die anfangs mühsam, 
mit Bewusstsein und Ueberlegung erlernt werden mussten, 
z. B. Gehen, Schwimmen, Singen u. s. w. werden allein durch 
Wiederholung, durch Uebung, durch Gebrauch der Organe, un- 
bewusst. Umgekehrt werden unbewusste Thätigkeiten sofort 
wieder zu bewussten, sobald wir die Aufmerksamkeit darauf 
richten, die Selbstbeobachtung anwenden, so z. B. wenn wir 
beim Treppensteigen einen Fehltritt thun, beim Clavierspielen eine 
falsche Taste greifen. Unzweifelhaft gehen also bewusste und 
unbewusste Handlungen ohne feste Grenze in einander über. Nicht 
minder sehen wir endlich bei vergleichender Betrachtung des 
Seelenlebens der Thiere, dass sich das Bewusstsein derselben 
langsam, allmählig und stufenweise entwickelt; dass eine lange 

H a e o k e 1 , Freie Wissenschaft. g 



82 



Stufenleiter von unbewussteu zu bewiissten Wesen ununterbrochen 
hinaufführt. Aus diesen vergleichenden und genetischen Er- 
fahrungen dürfen wir den Schluss ziehen, dass das Bewusst- 
sein, gleich der Empfindung und dem Willen, gleich allen anderen 
Seelenthatigkeiten , eine physiologische Function des Organismus, 
eine mechanische Arbeit der Zellen, und als solche auf 
chemische und physikalische Vorgange ziuiickführbar ist Wenn 
wir daher im Stande sein würden, die Kraft als eine nothwendige 
Function der Materie zu verstehen, so würden wir auch das Be- 
wusstsein, wie die Seele überhaupt, als eine nothwendige Function 
gewisser Zellen erklären kömien. 

Wie wenig Du Bois-Retmonb mit den Thatsachen der ver- 
gleichenden und genetischen Psychologie bekannt ist, das zeigt 
Nichts auffallender, als folgender üben'aschende Satz der Ignora- 
bimus-Rede : „Wo es an den materiellen Bedingungen für geistige 
Thatigkeit in Gestalt eines Nervensystems gebricht, wie in 
den Pflanzen, kann der Naturforscher ein Seelenlehen nicht zu- 
geben, und hierin stiisst er nur selten auf Widerspruch." Bitte 
um Entschuldigung! Jeder Naturforscher wird hier entschiede- 
nen Widerspruch erheben, der mit der vergleichenden Morphologie 
und Physiologie der niederen Thiere vertraut ist. Denn er 
kann die unzweifelhafte Empfindung und willkürliche Bewegung 
den einzelligen Infusorien so wenig absprechen, wie den vielzelligen 
Hydroidpolypen. Der Leib der echten Infusorien (Ciliaten, Acineten) 
und vieler anderer Protisten bleibt zeitlebens eine einzige ein- 
fache Zelle, und dennoch ist diese Zelle mit den wichtigsten 
Attributen der Seele, mit Empfindung und Willen, ebenso gut 
ausgestattet wie irgend ein höheres Thier mit Nervensystem. 
Letzteres gilt auch von der Hydra und den verwandten Hydroid- 
Polj-pen, bei denen die Neuromuskelzellen oder andere zerstreute 
Zellen des äusseren Keimblattes die Seeienthätigkeiten besorgen. 
Da diese Zellen ausserdem aber auch noch motorische und andere 
Functionen üben, so können wir sie noch nicht als Nerven-Zellen 
bezeichnen; von einem besonderen „Nerven-System" kann hier 
ohnehin keine Rede sein. Die characteristischen Seelen-Organe 



83 

der höheren Thiere , die wir unter dem Begriflf des Nerven- 
systems zusammenfassen, sind ja erst durch Arbeitstheilung 
der Zellen aus jenen indifferenten Zellen-Gruppen ihrer niederen 
Vorfahren historisch entstanden. 

In der wichtigen Seelenfrage steht also Du Bois-Reymond 
ganz ebenso wie Virchow noch heute auf dem Standpunkte der 
Neural-Psychologie, wonach ein eigentliches Seelenleben ohne 
Nervensystem nicht denkbar ist. Wir halten diesen Standpunkt 
for überwunden und stellen ihm unsere Cellular-Psychologie 
entgegen, die Lehre, dass alle organischen Zellen beseelt sind, 
d. h. dass ihr Protoplasma mit Empfindung und Bewegung begabt 
ist. Bei den einzelligen Infusorien, die so zarte Empfindung, 
so energischen Willen besitzen, wird diese Auffassung ohne Weite- 
res klar sein. Aber auch den Pflanzenzellen können wir psychische 
Functionen so wenig als den Thierzellen absprechen, seitdem wir 
wissen, dass die Erscheinungen der Reizbarkeit und der ;, auto- 
matischen Bewegüchkeit'^ ganz allgemeine Attribute alles Proto- 
plasma sind. FreiUch ist die specielle Mechanik, die Ursache 
der Bewegung bei den reizbaren Mimosen und anderen „empfind- 
lichen" Pflanzen, eine ganz andere, als bei der Muskelbewegung 
der Thiere. Aber diese wie jene sind nur verschiedenartige Ent- 
wickelungsformen der „Zellseele", sind beide aus der „Mechanik 
des Protoplasma" hervorgegangen. Die „EmpfindUchkeit" des 
reizbaren Protoplasma ist bei der Pflanzenzelle der Mimose, wie 
bei der Thierzelle der Hydra dieselbe. Wie fem Du Bois-Reymond 
dieser Erkenntniss steht, und wie sehr er noch in neural-psycho- 
logischen Anschauungen befangen ist, das zeigt am deuthchsten 
der wunderbare und erstaunUche Satz, welchen er seiner oben 
angeführten, irrthümUchen Behauptung anzuhängen für gut be- 
funden hat: „Was aber wäre dem Naturforscher zu erwidern, 
wenn er, bevor er in die Annahme einer Weltseele wilUgte, 
verlangte, dass ihm irgendwo in der Welt, in Neuroglia gebettet, 
und mit warmem arteriellen Blute unter richtigem Drucke gespeist, 
ein dem geistigen Vermögen solcher Seele an Umfang entsprechen- 
des Convolut von GangUenkugeln und Nervenröhren gezeigt würde ?" (!) 

6* 



84 

Uebrigens wollen wir nicht vOTschweigen, dass Du Boia- 

Reymond unserer heutigen Entwickelungslehre weit näher steht 
als VmcHow, ja dass er sich sogar von Jahr zu Jahr immer 
entschiedener für die Descendenz- Theorie als die einzig mög- 
liche Erklärung der morphologischen Erscheinungen ausgesprochen 
hat. Rechnet sieh doch Dn Bois-Reymond neuerdings sogar zu 
denjenigen Naturforschern, welche schon vor Daewin von der 
Wahrheit des Transforraismus überzeugt waren. Dann bleibt es 
nur zu verwundem, warum ein so scharfsuiniger und geistreicher 
Naturlbrscher, dem es doch sicher auch au wissenschaftUchem 
Ehrgeiz nicht fehlt, es Charles Darwin üherliess, das El des 
Cülumbus auf den Ring zu stellen, und durch Einfuhrung der 
Selections- Theorie, durch definitive Begründung der Descendenz- 
Theorie, der ganzen biologischen Wissenschaft neue und unendlich 
fruchtbare Bahnen anzuweisen? 

Dass übrigens auch Dd Bois-I1£ymond noch weit davon ent- 
fernt ist, die volle Bedeutung des Transformismus für die mecha- 
nische Erklärung der morphologischen Probleme ganz zu verstehen, 
das geht klar aus einigen Bemerkungen seiner Rede hen-or, die 
den Titel trägt: Darwin versus Galiani (1876), Die „Schopfunga- 
geschichte" wird daselbst einfach als ein „Roman'' abgethan; 
imd die „Stammbäume" der Phylogenie sind in seinen Aug^ 
„etwa so viel werth, wie in den Augen der historischen Kritib: 
die Stammbäume homerischer Helden". Die Geologen dürfen sich 
für diese Werthschätzung ihrer Wissenschaft schön bedanken; 
denn unzweifelhaft ist die Geologie, als Hypothesen-Gebäude, 
nicht mehr und nicht minder berechtigt als die Phylogenie, 
wie ich schon in meiner Münchener Rede angedeutet hatte (S. 9): 
„Denselben Werth, wie die allgemein anerkannten geologischen 
Hypothesen, dürfen auch unsere phylogenetischen Hypothesen 
beanspruchen; der Unterschied ist nur der, dass der gewaltige 
Hypothesen-Bau der Geologie ungleich vollendeter, einfacher und 
leichter zu begreifen ist, als derjenige der jugendlichen Phylo- 
genie." Was aber die berüchtigten „Stammbäume" betrifft, so 
smd diese Nichts weiter als der einfachste, knappste und über- 



85 



sichtlichste Ausdruck der phylogenetischen Hypothesen, und als 
solche heuristische Hypothesen sind sie für die specielle 
Phylogenie gerade so unentbehrlich, wie die schematischen 
Schichtungs-Tabellen der Erdrinde für die Geologie. 

Wenn Du Bois-Rbymond von der Wahrheit des Transformis- 
mus so überzeugt ist, wie er jetzt neuerlichst angibt, warum 
macht er denn nicht einen ernstlichen Versuch, auch auf seinem 
eigensten Forschungs-Gebiete, in der Physiologie, die erklärende 
Kraft der Descendenz-Theorie zu erproben ? ' Warum arbeitet er 
nicht an der noch gänzlich unbebauten Physiogenie, an der ^Ent- 
wickelungsgeschichte der Functionen", an der ;,Ontogenie 
und Phylogenie der Lebensthätigkeiten" ? Der einzige Gedanke, 
der hier neuerdings oft als eine wichtige Entdeckung Du Bois- 
Rkymond's gerühmt wird, der schon von Leibnitz geahnte Ge- 
danke, ilass die ;,angeborenen Ideen", die ;,Erkenntnisse a priori", 
durch Vererbung aus ursprüngUchen Erfahrungen, aus empiri- 
schen ^Erkenntnissen a posteriori" entstanden sind, dieser Ge- 
danke ist schon lange vor Du Bois-Reymond ( — was derselbe 
freilich nicht erwähnt — ) von mir bestimmt ausgesprochen wor- 
den, 1866 in der generellen Morphologie (Bd. H, S. 446) und 
1868 in der Natürlichen Schöpfungsgeschichte (1. Aufl., S. 530). 
Wenn sich Du Bois-Reymond mit diesen Problemen eingehend 
beschäftigt hätte, dann würde er sicher auch einmal an die ;,Ent- 
wickelung des Bewusstseins" gedacht und es nicht als ewig un- 
lösbares Problem hingestellt haben: ;,Wie die Materie denken 
kann?" — ein Ausdruck, beiläufig bemerkt, eben so sinnreich, 
wie der Ausdruck: ;,Die Materie läuft", oder: ;,Die Materie schlägt 
die Stunden" ! Sicher würde er sich dann auch wohl gehütet haben, 
das schwerwiegende ;,Ignorabimus" auszusprechen. 

Vielfach ist die Frage aufgeworfen worden, warum gerade zwei 
so hervorragende Berliner Biologen, wie Virchow und Du Bois- 
Eeymond, die besonders feierlichen Gelegenheiten der ÖOsten Jah- 
resfeier und der 50sten Versammlung der deutschen Naturforscher 
und Aerzte benutzten, um eine Lanze gegen den Fortschritt und 
die Freiheit der Wissenschaft einzulegen. Der lebhafte Beifall, 



den sie Beide hierfür sofort von Seiten des Glems und aller son- 
stigen Feinde der Geistes-Freiheit gefunden — und zwar Vibchow 
nocli in viel höherem Maasse als Do Bois-Rbymosd — lässt diese 
Frage ohne Zweifel gerechtfertigt erscheinen. Ich glaube zur 
Beantwortung derselben Einiges beiti'ageii zu können, und da ich 
nicht durch Ehrfurcht vor dem Berliner Tribunal der Wissen- 
schaft, oder durch Sorge um Verlust einflussreicher Berliner Con- 
nexionen gebunden bin, wie die meisten meiner gleichdenkenden 
Collegen, so nehme ich keinen Anstand, hier wie anderswo, meine 
ehrliche Üeberzeugung frank und frei zu äussern; unbekümmert 
um den Zorn, den vielleicht viele wirkliche und nichtwirkliche 
Geheimerathe in Berlin beim Anhören der ungeschminkten Wahr- 
heit empfinden mögen. 

Die nächste Ursache ihrer „Missverstandniase", und zugleich 
die beste Entschuldigung derselben dürfte für VmcHOw viie für 
Dtj Bois-Reymond in ihrer Unbekanntschaft mit den Fortschritten 
der neueren Morphologie liegen. Wie schon wiederholt hervor- 
gehoben wurde, ist keine Naturwissenschaft so unmittelbar auf 
die Entmckelungslehi'e, und besonders auf die Descendenz-Theorie 
hingewiesen, wie die Morphologie. Weil wir Morphologen alle die 
mannigfaltigen und unendlich verwickelten Form - ErscheinungM 
der Thier- und Pfianzen-Welt ohne jene Theorie weder erklärra 
noch begreifen können, weil für uns der Transformismua 
die einzig mögliche, vernunftgemässe Erklärung der 
organischen Gestaltungen einschliesst , desshalb halten wir 
Alle sie für die unentbehrliche Basis der wissenschaftlichen For- 
menlehre, desshalb brauchen wir für ihre Sicherheit keine weite- 
ren Beweise, als diejenigen, die uns jetzt schon in reichster Fülle 
zu Gebote stehen. 

Du Bois-Ebymond und noch mehi' VmcHow ignoriren diese 
Beweise, weil sie sowohl mit den Forschungen und Resultaten, 
wie mit den Methoden und Zielen unserer heutigen Morphalogie 
grösstentheils unbekannt sind. Diese Unbekanntschaft aber er- 
erklärt sich theUs aus der einseitig physiologischen Richtung ihra* 
biologischen Studien, theils daraus, dass überhaupt an wenigen 



87 



Universitäten das Studium dei' Morphologie so zurückgeblieben ist, 
wie an der Berüner Universität. Volle zwanzig Jahre sind jetzt 
verflossen, seit der grosse Johannes Müli^r, der letzte Natur- 
forscher der das Gesammtgebiet der Biologie beherrschte, die 
Augen schloss. Die drei grossen Wissenschaftsgebiete, tlie er 
noch als dreieiniges KÖniKi-eich unter seinem gewaltigen Scepter 
vereinigt hatte, wurden jetzt auf drei verschiedene Lehrstühle 
vertheüt: Dd Bois-Rkymond erhielt die Physiologie, Vibchow die 
theoretische Pathologie (pathologische Anatomie und Physiologie) 
der dritte und wichtigste Lehrstuhl, derjenige der Morphologie 
(der menschlichen und vergleichenden Anatomie, mit Inbegi'iff der 
Eutwiekelungsgeschichte) fiel an Boqüslaos Reichert. Diese 
Wahl war, wie jetzt allgemein eingestanden wii-d, ein unbegreif- 
licher Missgriff, Anstatt für Morphologie, für diese erste Grund- 
lage der Zoologie wie der Medicin, Carl Gegbnbaür oder Max 
ScHOLTZE oder eine andere voll befähigte jugendhche Lehi-kraft 
zu berufen, nahm man in Keichert einen gealterten und in starker 
Rückbildung begriffenen Schul-Anatomen, der zwar einige brauch- 
bare Special- Arbeiten geUefert hatte, dessen allgemeine Anschau- 
' ungen aber gänzlich schief entwickelt waren , und der durch bei- 
spiellose Unklarheit der Vorstellungen imd Verworrenheit der Be- 
griffe nur noch von Adolf Bastian übertroffen wird. Seit zwanzig 
Jahren vertritt dieser Mann an der zweitgrössten Universität 
Deutschlands die auimale Morphologie, und in diesen zwanzig 
Jahren ist daselbst auf liem ganzen grossen Gebiete fast nichts 
Nennenswerthes, weder von dem Meister noch von seinen Schü- 
lern, geleistet worden ; man vergleiche nur einfach die vielen werth- 
losen Berliner anatomischen Leistungen dieser beiden Decennien 
(z. B. noch die neueste coufuse Arbeit von Fritsch über das Fisch- 
Gehirn) mit dem reichen Schatze der werthvollsten Arbeiten, den 
Johannes Möller und seine zahlreichen Schüler hi den vorher- 
gehenden zwanzig Jahren zu Tage gefördert hatten. 

Doch nicht genug daran, benutzte Rbichebt auch seine em- 
dussreiche Stellung, um selbst dem wissenschaftüchen Studium der 
Morphologie möglichst entgegen zu wirken. Im Vereine mit seinen 



: setzte er z, B. jene angebliche „Reform" der medicini- 
schen Prüfungen durch, welche das sogenannte ^Teiitamen phy- 
sicnni" an die Stelle des „philosophiciini" setzte. Die Philosophie 
wurde ganz eliminirt, Zoologie und Botanik, die seit Jahrhunder- 
ten mit gutem Rechte als unentbehrliche Grundlagen für die all- 
gemeine naturwissenschaftliche Bildung des angehenden Medicinera 
gegolten hatten, fielen aus seinem Bildungskreise aus. Nur wie 
zum Hi>hne auf diese Wissenschaften wurde in jener Prüfung ein 
kleiner Platz für „vergleichende Anatomie" beibehalten, für jenen 
schwierigsten, philosophischen Theil der thierischen Morphologie, 
der ohne vorausgehende Kenntntss der übrigen zoologischen Fächer 
gar nicht verstanden werden kann. Und doch ist die vergleichende 
Anatomie und Entwickelungsgeschiehte erst wieder die unentbehr- 
liche Vorstufe für ein wahrhaft wissenschaftliches Verstandniss der 
menschlichen Anatomie, dieser wichtigsten Grundlage medicinischer 
Bildung. Ohne die belebenden Entwickelungs-Gedanken der erste- 
ren bleibt die letztere tndter Gedächtniss-Kram. 

An die Stelle der degradirten Morphologie trat ein detaii- 
lirteres Studium der immer einseitiger entwickelten Physiologie. 
Nun sind aber diese beiden, gleich wichtigen und gleich 
berechtigten Hauptzweige der Biologie so auf einander ange- 
wiesen, dass nur durch gleichraassige Ausbildung in Beiden ein 
wahrhaft wissenschaftUches Verstandniss des Organismus gewonnen 
werden kann. Der meisterhafte und nnvergleichüche Unterrieht 
von Johannes Müller verdankte einen grossen Theil seines fes- 
selnden Reizes dieser gleichmässigen Pflege der Morphologie uad 
der Physiologie, wie auch der umfassenden, von grossartigen Ge- 
sichtspunkten geleiteten Behandlung des massenhaft angehäuften , 
Detail-Stoffes. Daher unterliegt es für mich auch keinem Zweifel, 
dass die heutige , von Reichert und Consorten beeinflusste mor- 
phologische Bildung der Aerzte in Preussen hinter derjenigen der 
MßLLEa'schen Periode, vor 20 und 30 Jahren, im allgemeinen 
Verstandniss des Organismus eben so zurückgebheben ist, wie sie 
in speciellen Kenntnissen ihr vorausgeeilt ist. 

Nun ist aber bei der ärztlichen wie bei jeder anderen wissen- 



89 

schaftlichen Bildung das höchste Ziel nicht in der massenhaften 
Erwerbung des chaotisch angehäuften Einzel-Wissens zu suchen, 
sondern vielmehr in dem allgemeinen Verständniss der Wissen- 
schaft, ihrer Ziele und Aufgaben. Diese generelle Erkenntniss 
soll der Lehrer vor Allem dem Lernenden zuführen; leicht ist es 
dann für letzteren, mit Hülfe der richtigen Methoden, jede ein- 
zehie specielle Kenntniss sich zu erwerben. l)aher wird in der 
Medicin, wie in jeder anderen Wissenschaft, nicht derjenige die 
beste Bildung besitzen, der a la Bastian sein Gedächtniss mit 
einer verworrenen Masse unverdauter Thatsachen belastet und 
diese ohne alle Ordnung in sein Gehirn zusammengeworfen hat, 
sondern derjenige, der eine massige Anzahl der wichtigsten 
Kenntnisse wirküch verdaut und diese zu einem harmonischen 
Ganzen kritisch geordnet hat. Gerade darin beruht ja auch für 
die Morphologie der unschätzbare W^erth des Transformismus, 
dass er es uns möglich macht, über die nackte empirische Kennt- 
niss zahlloser einzelner Thatsachen uns zur philosophischen Er- 
kenntm'ss ihrer bewii'kenden Ursachen zu erheben. 

Dai'aus, dass gerade an der Berliner Universität das morpho- 
logische Studium seit zwei Decennien mehr als an allen anderen 
vernachlässigt worden ist, erklärt sich auch grösstentheils die 
Abneigung und Verachtung, welche die Descendenz- imd Selections- 
Theorie dort mehr als anderswo seither gefunden hat. In keiner 
grösseren Stadt Deutschlands ist sowohl der Transformismus im 
Allgemeinen, als der Darwinismus im Besonderen, so wenig ge- 
wtLrdigt, so stark missverstanden und so mit souveränem Hohn 
verspottet worden als in Berlin. Hat doch Adolf Bastian, der 
Eifrigste unter allen Berliner Gegnern unserer Lehren, gerade 
diese Thatsache mit besonderer Genugthuung hervorgehoben. 
Unter allen namhaften Berliner Naturforschern hat nur Einer von 
Anfang an mit aller Wärme und mit voller Ueberzeugung sich des 
Transformismus angenommen , wie er auch schon vor Darwin von 
dessen Wahrheit überzeugt war. Das war der geniale, kürzlich 
verstorbene Botaniker Alexander Braun, ein Morphologe, der 
ebenso durch die Fülle umfassender Detail -Kenntnisse, wie durch 




90 



philosophische Beheirschting derselbea äch auszeichnete. Seine 
feste Ueberzeugung von der Wahrheit der Descendenz-Theorie ist 
um so mehr hen'orzuheben , als er gleichzeitig ein fleckenloser 
Character, ein frommer Christ Im besten Sinne des Wortes und 
ein selir conservativer Politiker war; ein schlagendes Beispiel, 
dass auch solche Ueberzeugungen sehr wohl neben den Grund- 
sätzen der heutigen Entwickelungslehre in einer und derselben 
Person vereinigt leben können. Gegenüber dem mächtigen Ein- 
flüsse der übrigen Berliner Xaturforscher, die grössteutheils ent- 
schiedene Gegner sind und erst neuerdings theUweise (der „Mode" 
folgend) sich zum Transformismus bekehrten , vermochte aber 
ein Mann wie Alexamdkk Bkaus den Lehren des letzteren keine 
Geltung zu verschaffen. 

Uebrigens ist es nicht das erste Mal, dass gerade die Ber- 
liner Gelehrten- Welt den wichtigsten Fortschritten der Wissen- 
schaft sich mit besonderer Kraft entgegenstemmt. Hat doch 
schon ViacHow's früherer College, der selige Stahl, in ähnlichem 
Sinne mit grossem Erfolge den Grundsatz gepredigt : „Die 
Wissenschaft niuss umkehren"! Ebenso wie jetzt die 
Berliner Biologen dem grössten wissenschaftlichen Fortschritt 
unseres Jahrhunderts, dem Transformismus, den zähesten und 
nachhaltigsten Widerstand entgegensetzen, ebenso ist es wiedefP- 
holt auch mit anderen bahnbrechenden Lehren geschehen! Man 
denke nur an Caspak Fbikdhich Wolff, an den grossen Forscher, 
der zum ersten Male im Jahre 1759 die Natur der individuellen 
Entwiekelungs-Vorgänge im Thier-Ei klar erkannte und darauf 
seine epochemachende „Theoria generationis" gründete. Die 
Berliner Gelehrten, voll von den herrschendeu Voruitheilen, 
wussten es damals durchzusetzen, dass Wolff nicht einmal die 
nachgesuchte Erlaubnisa zu Öffentlichen Vorlesungen erhielt und 
sich in Folge dessen gezwungen sah, einem Rufe nach Petersburg 
Folge zu leisten. Und doch handelte es sich dabei nicht eigentr- 
lich um eine „Theorie". Denn die grundlegende Theorie der 
Generation von Wolff, die „Theorie der Epigenesis", war 
nichts Anderes als der einfache allgemeine Ausdruck der embryo- 



91 

logischen, von ihm zuerst erkannten Thatsachen, von deren 
Wahrheit sich Jedermann unmittelbar durch Beobachtung über- 
zeugen konnte. Aber trotzdem blieben noch über ein halbes 
Jahrhundert hindurch die herrschenden Irrlehren der „Prä- 
formations-Theorie" in allgemeiner Geltung, die lächerlichen und 
unsinnigen, aber durch die Autorität von Halleb gestützten 
Lehren, dass die Keime aller Thier-Generationen vorgebildet in 
einander geschachtelt seien, und dass eine eigentliche Entwicke- 
lung gar nicht existire! „Nulla est epigenesis" (Vergl. meine 
Anthropogenie, HI. Aufl. S. 32). 

Es scheint nun aber einmal das Schicksal der interessantesten 
aller Wissenschaften, der Entwickelungsgeschichte, zu 
sein, dass gerade ihre bedeutungsvollsten Fortschritte und ihre 
grössten Entdeckungen dem stärksten und anhaltendsten Wider- 
stände begegnen. Denn wie Wolff's fundamentale Epigenesis- 
Theorie schon 1759 begründet, aber erst 1812 zur Anerkennung 
gebracht wurde, so musste auch Lamakck's 1809 begründete De- 
scendenz-Theorie volle 50 Jahre warten, ehe sie Daewin 1859 
zum wichtigsten Erwerb der neueren Wissenschaften gestaltete! 
und wie wurde während dieser Zeit, trotz aller Fortschritte 
der empirischen Wissenschaften, diese umfassendste aller bio- 
logischen Theorien bekämpft! Erinnern wir uns nur daran, 
wie 1830 der berühmte George Cuvier den beredtesten Ver- 
treter derselben, Geoffroy S. Hilaire, im Schoosse der Pariser 
Academie zum Schweigen brachte, und wie fast zur selben Zeit, 
1829, ihr Begründer, der grosse Lamarck, erbündet, in Elend 
und Dürftigkeit sein arbeitsreiches Leben beschloss, während 
sein Gegner Cuvier sich der höchsten Ehren und des grössten 
Glanzes erfreute! Und doch wissen wir heute, dass die ver- 
achteten und verspotteten Lehren Lamarck's und Geoffroy's 
bereits die bedeutungsvollsten Wahrheiten enthielten, während 
Cxjvier's vielbewunderte und allgemein angenommene Schöpfungs- 
lehre heute als eine absurde und haltlose Irrlehre allgemein ver- 
lassen ist! Wenn aber weder Haller gegen Wolff, noch 
Cuvier gegen Lamarck den Fortschritt der freien Forschung 



92 

dauernd zu hemmen vennochte, so wird es nocli weniger Viechow 

gelingen, Dauwtn's bewunderungswürdige Geistesthat rückgängig zu 
machen, selbst wenn er dabei durch die polternden Kapuziner- 
Predigten seines Freundes Bastian iu nicht beneidenswerther Weise 
unterätiltzt wird! 

Wie wir Vibchow's feindsehge Stellung in diesem grossartigen 
^Kampf um die Wahrheit" lebhaft bedauern, so unterschätzen 
wir auch nicht die Wirkung seiner wohlbegründeten Autorität auf 
weitere Kreise. Namentlich ist die feindliche Haltung, welche der 
Entwickelungslehre gegenüber fortdauernd der grösste Theil der 
Berliner Presse einnimmt (insbesondere die ,,hberale" National- 
Zeitung), wohl auf den Einfluss jener Autorität zurückzuführen. 
So sehr aber einerseits die reactionäre Strömung in diesen und 
anderen intelligenten Kreisen Berlins zu beklagen ist, so müssen 
wir doch andererseits hervorheben, dass wir durch dieses Uebel 
vor einem viel grösseren sicher bewahrt werden. Dieses grössere, 
ja das grösste Uebel das die deutsche Wissenschaft treffen könnte, 
wftre ein Berliner ,, Monopol der Erkenntniss", die Centralisation 
der Wissenschaft! Welche höchst verderblichen Früchte diese 
Centralisation z. B. in Frankreich getragen hat, wie das Pariser 
,, Monopol der Erkenntniss" eine fortdauernde Degradation der 
französischen Wissenschaft bewirkt und sie von den höchsten 
Höhen seit einem halben Jahrhundert beständig bergab geführt 
bat, dass ist allbekannt. Vor einer solchen Centralisation der 
deutschen Wissenschaft, die gerade in der Reicbshauptstadt Berlin 
ganz besonders gefähi-hch sein würde, bewahrt uns boffentUch zu- 
nächst die vielfache Differenzirung und die vielseitige Individualität 
des deutschen National-Geistes , der vielgeschmähte deutsche 
Paiücularismus. So wenig diese „Kleinstaaterei" politisch von 
Dauer sein und eine brauchbare Staatsform Uefern konnte, so 
segensreich und fruchtbringend ist sie sicher für die deutsche 
Wissenschaft gewesen. Denn gerade ihre glänzendsten Vorzüge 
vor allen Änderen verdankt die letztere den vielen kleinen Bildungs- 
centren, welche die zalilreichen Hauptstädte der deutschen Klein- 
staaten bildeten, und den vielen kleinen Universitäten, welche in 



93 

regem Wetteifer einander zu überflügeln sachten. Hoffentlich 
wird diese segensreiche Decentralisation der Wissenschaft in 
unserem politisch geeinigten Vaterlande dauernd fortbestehen. 
Nächst dem centrifugalen Streben unseres deutschen National- 
Geistes wird aber dazu sicher Nichts so sehr beitragen, als ein 
derartiger energischer Widerstand gegen den freien Fortschritt 
der Wissenschaft, wie er gerade jetzt wieder in der leitenden 
Beichshauptstadt sich geltend macht. Denn um so viel, als diese 
dadurch in dem mächtigen Strom der unaufhaltsamen freien 
Geistes-Bewegung zurückbleibt, um so viel wird sie von den 
zahlreichen anderen Bildungsstätten Deutschlands überflügelt, die 
begeistert oder doch willig diesem Strome folgen. Wenn Emil 
Dir Bois-Beymond sein ;,Ignorabimus'' und Rudolf VmcHOW 
sein noch viel weiter gehendes ;,Restringamur" zur Parole 
der Wissenschaft erheben wollen, so tönt ihnen aus Jena, wie 
aus hundert anderen Bildungsstätten der Ruf entgegen : 

Impavidi progrediamnr ! 



Anhang. 



Einige Stimen der Presse filier TirclioWs Ifinclieiier Rede. 

L Stimme der „Berliner Hof^redig^r'^ in der ^enen eT&ng^lisehen 
Kirchenzeitnng« (Nr. 42, vom 20. Oktober 1877, p. 659). 

Zum fünfizigsten Male hielt der Gongress deutscher Naturforscher und 
Aerzte in den Tagen vom 19. — 22. September zu München seine Zusammen- 
kunft und en^eekte durch ein Zusammentreffen von mancherlei Umständen 
diesmal besonderes Interesse. Dass der fürstliche Protector, Herzog Gabl 
Theodor, den Verhandlungen persönlich prasidirte, dass der Gongress ein bei 
wissenschaftlichen Vereinigungen gewiss seltenes Jubiläumsalter von f&nfzig 
Jahren documentirte, dass auserlesene Persönlichkeiten die Vorträge über- 
nommen hatten: das Alles gab der Versammlung einen besonderen Glanz. 
Aber der Gongress sollte eine hervorragende Bedeutung dadurch gewinnen, 
dass auf demselben ein Kampf begonnen wurde, der nicht ohne Nachwirkung 
bleiben wird ; Virchow stritt gegen Haeckel, der radicale Fortschritt g^^ 
die noch radicalere Descendenzlehre, der Atheismus der Wissenschaft gegen 
das Dogma vom Affenmenschen. Gewiss ein lehrreiches Toumier. 

Es ist bekannt, dass die deutschen Naturforscher mit geringen Aus- 
nahmen der Entwickelungslehre Dab'win's huldigen. Gewiss dachte Fürst 
Bis^iARCK hieran, als er von den nihilistischen Professoren sprach, die yoU 
Aberglauben stecken. In der That ist die Descendenzlehre ein unbewiesenes 
Dogma ; und der Glaube an dasselbe setzt eine Blindheit voraus, gegen welche 
der blindeste Köhlerglaube noch sehend heissen darf. Unter den Gläubigen 
dieser Hypothese ist Haeckel nicht allein der eingenommenste, sondern auch 
der gegen Ghristenthum und Kirche erbittertste. Er hatte auch den Gongress zu 
benutzen gedacht, um seiner Meinung ein Stück vorwärts zu helfen. Welches 
Verhältniss die heutige Entwickelungslehre zur Gesammtwissen- 
schaft unserer Tage einnimmt: so lautet das Thema, in dessen Durch- 
führung er den Anlauf zum Umsturz der vernünftigen Weltanschauung naiun. 
Die Descendenzlehre ist ihm unbestreitbare Thatsache : davon geht er aus und 
stellt für die naturwissenschaftliche Forschung einen neuen Kanon auf, indem 
er auf exacte Beweisführung überhaupt verzichtet. „Wenn man immer wieder 



95 



nach bündigen Beweisen für die Richtigkeit der Abstammungsielire ruft," 
— sagt er — „so entspringt dieser Ruf aus der irrthümlicben Forderung, 
dass alle Naturwissenschafts-Disciplinen exact sein müssen ; dieser Forderung 
entsprechen nur die rein mathematischen naturwissenschaftlichen Wissens- 
gebiete, ein Theil der Chemie und der Physiologie, während für das so ver- 
wickelte und so veränderliche Gebiet der Biologie an die Stelle der mathe- 
matischeji vielfach die geschichtlich philosophische Methode einzugreifen hat." 
Mit unglaublicher Leichtigkeit wird hier die bewährte und einzig mögliche 
Methode naturwissenschaftlicher Untersuchung preisgegeben, nur um ohne 
Beweis behaupten zu können, dass „der Mensch die Krone der Schöpfung 
ist, aus dem Stamm der Wirbelthiere hervorgegangen, aus der Klasse der 
Säugethiere, der Unterklasse der Placentalthiere, aus der Ordnung der Affen." 
Man hört dem Redner ordentlich das Behagen an, mit dem er sich in die 
thierische Abstammung hineinträumt. Die Existenz des Geistes macht ihm 
keine Schwierigkeiten, da Jede Geistesthätigkeit an die Organisation des 
Centralnervensystems geknüpft, dies letztere aber beim Menschen wie bei den 
übrigen Wirbelthieren gleichmässig zusammengesetzt ist und sich nach den 
nämlichen Gesetzen entwickelt Aus der Plastidulenseele, dem Geistesleben 
der Moleküle, entsteht durch mechanische Verbindung die Zellenseele; nicht 
anders die Menschenseele, welche vor der Thierseele den Trieb voraus hat, 
„dass nach dem Gesetze der Gesellung sich mehrere Individuen zu einem 
Stock, einem Staat verbinden." Eben hieraus fliesst die HAECKEL'sche Moral, 
„denn jede derartige Bildung ist daran geknüpft, dass gewisse Opfer auf 
Kosten des Egoismus der Einzelnen gebracht werden." Ja auch eine Religion 
meint dieser Standpunkt auf dem Wege der vergleichenden Religionsforschung 
gewinnen zu können. „Unabhängig von jedem Kirchenglauben lebt im Men- 
schen der Keim einer echten Naturreligion, deren Kern die Liebe ist." Un- 
glaublich armselig und unwissenschaftlich ist begreiflicher Weise, was Haegkel 
von der Religion sagt, die er nicht einmal ihrem Begriffe nach kennt: trotz- 
dtm wird er an ihr zum Propheten und verkündigt : „Nicht derjenigen Theo- 
togie gehört die Zukunft, welche gegen die siegreiche Entwickelungslehre einen 
fruchtlosen Kampf führt, sondern deijenigen, welche sich ihrer bemächtigt, 
sie anerkennt und verwerthet." Aus Allem folgert er nun, — und dies ist 
der praktische Zweck seines Vortrags — „die Descendenzlehre müsse als 
wichtigstes Bildungsmittel in der Schule ihren Einfluss geltend machen und 
hier nicht bloss geduldet, sondern massgebend werden, wobei eine weit- 
greifende Reform unausbleiblich ist und vom schönsten Erfolge begleitet sein 
wird." Zu solchen Fieberträumen kann die Feindschaft gegen das Christen- 
thum deutsche Gelehrte führen. — 

Das war doch Vikchow zu stark. Wir wissen von ihm seit langer Zeit, 
dass er nicht zu den Darwinianem gehört, sondern, obwohl Materialist, die 
Descendenzlehre aus wissenschaftlichen Gründen bekämpft. In seinen Ab- 
sichten auf die Schule hatte er früher mit Haegkel einige Aehnlichkeit ; auch 
er sprach es einmal aus, das üebematürliche im Unterricht müsse durch die 
Naturkenntniss ersetzt werden. Um so ehrenvoller erscheint es für ihn, wenn 
er im Hinblick auf die HAEGKEL'schen Masslosigkeiten, welche durch zahlreiche 



96 

Organe der Fortschrittspresse colportirt werden, und in Sorge um die socia- 
listische Verwilderung, die aus dem Dogma vom Thiermenschen Capital 
schlägt, sich nicht scheut, ehemalige Irrthümer zu bekennen imd gutzumachen, 
und hier fand sich eine grosse und treffliche Gelegenheit U eher die Freji- 
heit der Wissenschaft und ihre Stellung im modernen Staat 
zu reden, hatte Virohow angekündigt; er benutzte den Gegenstand um in 
jedem Punkte Haeckel zu widerlegen. Zunächst dringt er auf streng natur- 
wissenschaftliche Methode: „darauf kommt es an^ zuvörderst genügendes that- 
sächliches Material herbeizuschaffen, um diese Probleme von dem Wesen der 
Seele erst in ernsthafter Weise erörterungsfähig zu machen. Wenn was heute für 
Wahrheit ausgegeben wird, sich morgen schon als Irrthum erweist, dann verliert 
die Masse ihren Glauben an die Wissenschaft überhaupt. '^ Dann bestreitet er 
die Thatsächlichkeit der HAECKEL'schen Aufstellungen. „Ist — fragt er — 
die Descendenzlehre ein sichergestelltes Forschungsergebniss ?" Und er ver- 
neint diese Frage, in dem er mit einem berechtigten Spott hinzufügt: „Es 
mag für gewisse Temperamente etwas sehr Verführerisches haben, die aus 
der Lehre sich leicht ergebenden Consequenzen auch zu ziehen; allein hier- 
mit sind dieselben doch noch keinesfalls erwiesen. Es ist bis jetzt noch nicht 
gelungen, die Gesellschaft Kohlenstoff und Gompagnie bei der Gründung der 
Plastidulenseele auch nur als Problem bestätigt darzustellen.^ Daraus ergibt 
sich für den verständigeif Forscher von selbst: „Probleme soll man erfor- 
schen, aber nicht lehren. Für die Probleme mag man die Nation, wenigstens 
den hinreichend für dergleichen Dinge vorgebildeten und urtheilsfähigen 
Theil der Nation zu interessiren suchen; nimmermehr aber dürfen diese 
Dinge Gegenstand einer in den allgemeinen Unterrichtsanstalten vorzutragen- 
den Lehre werden." Um so mehr, „als der Socialismus mit der Descendenz- 
theorie bereits Fühlung hat." Gewiss ein gewaltiges Argument. Wie gegen- 
über der schrankenlosen Gier des Socialismus das Eigenthum, gegenüber der 
schrankenlosen Freiheit die Zucht, so muss gegenüber der schrankenlosen 
Wissenschaftssucht der Besitzstand der Wahrheit festgehalten werden. „Diesen 
Besitz müssen wir erhalten und uns hüten, zu weit zu gehen. Mässigung, 
Verzicht auf persönliche Liebhabereien wird nöthig sein, um die günstige 
Stimmung im Volksbewusstsein zu bewahren, auf der die Wirksamkeit wissen- 
schaftlicher Arbeit ruht." Es ist ein conservativer Ton im besten Sinne 
des Worts, der durch diese Aeusserungen des gelehrten Fortschrittsmannes 
hindurchklingt, ähnlich wie er kürzlich durch Kundgebungen des Politikers 
Forckenbeck hindurchtönte. Endlich wird man auf liberaler Seite klar dar- 
über, dass es auf die Dauer nicht geht, immerzu nur abzuschaffen, aufzuheben, 
anzuzweifeln und zu negiren. Ohne Pietät gegen die Realitäten des nationa- 
len und religiösen, des Staats- und Familienlebens ist im Grunde kein Volks- 
wohl möglich; und eine Wissenschaft, die jene Pietät verletzt, sie wohl gar 
dem Volk zum Gespött macht, versündigt sich am Vaterlande ebenso wie an 
der Wahrheit. Dagegen wenn die Wissenschaften diese Pietät üben, ist 
zwischen ihnen eine förderliche Gemeinschaft und eine gegenseitige An- 
erkennung wohl möglich. Höchst interessant war in dieser Hinsicht die Parallele, 
welche ViRCHOW zum Schluss zwischen der Naturwissenschaft und der 




Theologie zog. Jene enthalte ein subjectiveG Wabrnehmen und objectivef i 
Srkeiineii , dazwischen einen Strom, den man nieht füglich anders als 
Art Glauben nennen kann. EbenGci die Theologie, welche sich aus einen] 
historisch-dogmatischen Wissen und einer subjectiven Eingebung in Phantasie 
und Vision zuaammenBetite , dazwischen aber eine Strömung des Glauben» 
scbleclithin habe. Allerdings suche die Naturwissenschatl diesen Glaobens- 
BtTom einzuengen, während ein solches Beatreben hei der Theologie fehle. 

Man wird von Vikchow nicht fordern dürfen , dass er das Wesen der 
Religion und Theologie richtig bezeichne. Aber man wird sich doch der 
nüchternen Erkenntniss bei ihm freuen dürfen, dass die Nahirwiasenschafb- 
nicht ohne ein Element des Glaubens sein kann und die Glaubene- 
wissenBchaft des objectiv wissenschaftlichen Charakters nicht 
entbehrt. Wir fordern von den Naturforschern nichts als das ZugestSjid- 
nisa, daES es jenseits ihrer Hesuitate ein Gebiet des unsichtbaren und Uner- 
forachlicben gibt, wohin die Loupe und das Secirmesser nie dringen werden. 
wo allein der Glaube und die Offenbarung ihr Reich haben. Wäre 
diese Greozmarke immer richtig inne gehallen, so würden Theologie und 
Naturforechung nicht in einem Gegensatz stehen, der beiden schädlich ist, 
und eine Profossorenerscheinung wie die Haeckei.'s wäre eine rnniOglichteit. 

U. Stimme des nitramontanen Clerns in der „G-ermania" 
(Nr. 220, Beilage, vom 2,i. September 1877). 

„Resignation und Bescheidenheit" war die Signatur der dritten 
allgemeinen Sitzung der öOjährigen Naturforscher- Versammlung, und dieselbe 
wnrde von keinem Geringeren gepredigt, als von Professor Vim{:how. Der- 
selbe, mit kaum enden wollendem Jubel empfangen, führte unter der Flagge 
„die Freiheit der Wissenschaft im modernen Staat" wahrhafte Keulen 
schlage gegen seinen ehemaligen Schiller Eaeckel,, gegen die DAHWiK'sche 
Deacendenz, die Affentheorie u. s. w. Viik'how'b Rede riciitete sieb namentlich 
gegen das Verlaiigen Haeckel's, dass die Deseendenztheorie sofort schon in 
jer Unterrichts Wesen aufgenommen werden solle. VntCHOW betonte, dass 
solche Theorieen sich in den Eüpfen der Laien ganz anders ausnähmen, dit 
1 denen der t'orecLer. Wo der Forscher bescheiden noch zweifle, sei AeX" 
jenige, dem das eigentliche Verständniss fehle, nm so zuversichtlicher. Maa 
mässe unterscheiden zwischen dem, was als Problem aufgestellt werden kiinn^ 
und dem, was man lehre. Zu lehren seien nur ohjective Wahrheiten. An 
der Discussion der Probleme möge die Nation tbeilnehmen, niemals aber 
dürften sie dogmatisch behandelt werden. Bis jetzt sei für Baeckel's modema 
Seelentheorie kein Beweis erbracht worden und er, Redner, bezweifle, dasa, 
wenn sich Atome Kohlen-, Sauer-, Stick- und Wasserstoff mit einander ver- 
geseUschaften, gleichzeitig in diesem Element eine Seele exislire. Weshalb 
wolle man diese Hypothese in die Köpfe der Schulkinder bringen? Die 
Conseqnenzen wtirden höchst bedenklich sein, wenn die Socialisten sich der 
Deseendenztheorie hemäclttigten. Nichts sei thürichter als z. B. an die Stell« 



I 




der Kirche die Deecendenzlehre setiren. Der Glaabe sei nicht allein eine 
Sache der Kirche, sondern er gehOre aach der Wissenschaft an, denn sie 
setze sich zusammen aus objectiven Thatsachen, sabjectiven Anschaaungen 
und Wissen. Die Entwickelang von geringeren Stufen zu immer höheren aei 
zwar eine rein naturwissenschaftliche Forderung, aber bewiesen habe noch 
Niemand, dass eine Ent Wickelung vom Affen zum Menschen 
durch Zwisehenglieder mOglich sei. Zwar sei der früher geleugnete 
„fossile Mensch" eine Wahrheit, aber die gefundenen Schädel von Höhlenbewoh- 
nern der Tertiärzeit seien keineswegs von denen der modernen Menschen durch 
irgend eine Kiuft unterschieden. Bis jetzt sei auch noch kein AiFenschädel ge- 
funden worden, bei dem man hätte in Zweifel sein können, ob er einem Affen 
oder Menschen angehüre, und ausserdem sei die Kluft zwischen dem Schädel des 
niedrigststehenden Menschen und dem des Affen noch sehr gross. Jeder 
öffentlich lehrende und sprechende Naturforscher müsse Resignation üben 
nnd bescheiden sein, denn dann nur sei die Freiheit der Wissenschaft gewähr- 
leistet. Geschehe dies nicht, so seien Rückschläge unausbleiblich. 

Der Vortrag Virchow's erregte selbstverständlich grosses Aufsehen, 
umsomehr, als bereits am Tage vorher der Botaniker NSöeli, von dem ich 
berichtete, dass Niemand seine Rede verstanden, nach Ausweis des am 
nächsten Tage vorliegenden gedruckten Berichts ebenfalls das Du Bois- 
KBVMONu'sche „Ignorabimus" acceptirte und eine „vernünftige Entsagung" 
predigte. Es mag dahin gestellt bleiben, ob die deutsche Naturforschung 
einem Triumvirate, dem Männer wie Du Boib-Reymond, Virchow nnd Nageli 
angehören, folgen wlrdj soviel steht fest: die Haeckelianer resp. 
Affenfanatiker haben in München eine grosse Niederlage 
erUtten. 



III. Stimme Ton Oscar Schmidt im „Ansland" 
(Nr. 48, vom 26, November 1877). 

Am 18. September 1877 hielt Haeckel in der öfientlichen Sitzung der 
Naturforsch erversammlung in München einen Vortrag über die Bedeutung und 
Tragweite der Descendenzlehre, welcher von dem zuhörenden Publikum täcb> 
tig beklatscht nnd wenige Tage später von eben demselben hochverehrten 
Publikum nach Anhörung einer ViHOHow'schen Gegenrede durch noch slftrkere, 
dieser letzteren gewidmete BeifaJlssalvengründHch abgewiesen wurde. Haeckel 
gab nichts als eine Blumenlese aus seinen allbekannten Werken, jedoch mit 
der Nutzanwendung, dass die Descendenzlehre auch in die Schule Eingang 
finden solle. Auch berief er sich auf die — nennen wir das Diug nur beim 
rechten Namen — verunglückte Hypothese vom Gedächtniss der Plastidüle, 
als auf eine wohlbegrQndete Basis für die Psychologie. 

ViKCiiow benutzt bekanntlich die akademisclien und parlamentarischen 
Ferien, um bald im Centnun, bald an den äusseraten Grenzen Europa's, 
manchmal, sclieinl es, an mehreren Orten zugleich, die gelehrte und unge- 
iehrte Menge politisch-naturwissenschaftlich zu haranguiren. In den Pro« 




grammen <Ier WandervtirBamnilungen pflegt zu stehen : Herr VntcHOW wird 
über eil) noch nicht beatimmtes Thema sprechen. Er profitirt dann von der 
Augenblicklichen Lage, nat&rlich mit Geschick und Glück. Und so fiel ihm 
diessmal Haeckel zum Opfer und diejenigen, welche älmlicli über die Sicher- 
heit der Descendenzlebre denken. Virühow'b Rede liegt jetzt unter dem 
prachtvollen Titel : „Die Freiheit der Wisseofichaft im modernen Staate" vor. 

Ich fühle mich durchaus nicht verpflichtet, Haegkel'b epeciflsche Art zu 
vertheidigen, obgleich ich, abgesehen von den utopischen Flaatidülen, auf 
demselben Grund und Boden stehe. Noch weniger möchte ich in die seichten 
Schmähungen einstimmen , die aus dem Kreise eines gewissen Theiles der 
Tagespfesse Über VmcHr>w seitdem ergossen wurden, wie ich diesen nicht 
beneide um die Lorbeeren, die ihm die Zweifel an der objectiven Wahrheit 
der Deacendenzlehie von anderer Seite eingetragen haben. Aber was Vibuhow 
ober die Descendemlehre vorgebracht hat, ist doch so (Iberraschend und 
scheint mir sachlich so voUsiändig verfehlt, daas es einer näheren Besprechung 
von unserem Lager aus bedarf. 

YiitLifüw'B Behauptungen lassen sich, grössteDthellB mit seineu eigenen 
Worten, so formuüren : 

1) Die Descendenzlebre ist noch keine sicher beglaubigte wlsaanschaft- 
liche Wahrheit (S. 9); 

2) wäre sie Wahrheit, so müsste sie in den i^chulplau aufgenommen 
werden (S. 11) ; 

3) die Descendenzlebre, consequenl durchgeführt, hat eine ungemein 
bedenkliche Seite (S. 12); 

i) wir können nicht lehren, dass der Mensch vom Aiten oder irgend 
einem anderen Thiere abstamme (S. 31). 

In meinem Katechismus laulen diese Satze nahezu umgekehrt. Und da 
ich schon einmal „zur Benihigung in Fragen der Descendenzlebre" die Feder 
in die Hand genommen (Ausland 1876), so versuche ich abermals, den Ein- 
wendiugen zu begegnen und zu zeigen, dass der Lärm, den sie machen, 
mehr auf Rechnung des Mundes kommt, der sie vorgebracht hat, als der 
Gründe , mit denen sie belegt wurden. Ich schreibe eine Abwehr auf eine 
Provocation. 

ViRCHOW gibt zu, dass die Descendenzlebre ein die grösste Wahrschein- 
lichkeit filr sich habendes Problem sei Er spricht, wohlgemerkt, von der 
Descendenzlebre, nicht vom Darwinismus, und hält den thatsächlichen Beweis 
für nicht erbracht. Man kannte sagen in diesem Falle genüge schon der 
negative Beweis, den hier selbst so scharfsmnige Denker, wie Fechner, 
zulassen : reines Schöpfungs wunder, resp. Entwickelung unter unverständlicher 
wunderbarer Leitung zu Entw i ekel uags zielen, kurz, Wunder auf der einen, 
natürliche Entwickelung auf der andern Seite. Aber die Naturforachung, das 
Wunder perhorrescirend, hat den Beweis angetreten, und etwa neunundneunzig 
Procent der jetzt lebenden, sagen wir lieher arbeitenden Zoologen sind auf 
indnctivem Wege von der Wahrheit der Ahatamraungslelu-e überzeugt worden. 
ViKCHOW sagt: „Nein, mir gilt die Abstamraungslelu-e nur als eine Specu- 
lation; ich verlange den thatsächlichen Beweis." Er bat aber nicht ver- 



J 






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rathen, warum die Tausende von Tlialsachen, die grossen liarraonirenden 
Reihen von Thatsachen, welche Dur mittelst der Abstammungslehre erklärt 
werden können, nicht als eben so viele Beweise für die Wahrheit derselben 
angesprochen werden dürfen, und was er eigentlich bei Verwerfung des 
Inductiousbeweises anter einem that sächlichen Beveeise für die Descendenz- 
Ichre versteht Den Sehiiurpnr, welcher der ausserhalb des Tempels harren- 
den Menge nicht vorenthalten werden soll, kann man allerdings demonstriren, 
und so wird freilich die Descenden^lehre , wenn sie so lange als ein esoteri- 
sches Oeheimniss behandelt werden soll, bis sie thatsächlich demonstrirt 
werden kann , nie ein Gemeingut werden. Uns Zoologen , in deren Gebiet 
zu ergehen Vikchoiv neben seinen vielen anderen segensreichen Beschäf- 
tigungen noch die Zeit findet, ist daher die Entdeckung, die Descendenzlehre 
sei noch keine Wahrheit, ganz unverständlich. Er hat einfach eine Behaup- 
tung aufgestellt, die wir zurückweisen, eine Behauptung, welche uns mit der 
naturwissenschaftlichen, von Virchow selbst mit weltbekanntem Erfolg ge- 
übten Methode des Forschens und Schliessens in grellem Widerstand zn 
stehen scheint. 

TiRCHOw hält die Descendenzlehre fUr wahrscheinlich, ist aber auch die 
Auseinandersetzung schuldig geblieben, weiche Grunde und Thatsachen ihm 
für die Wahrscheinlichkeit zn sprechen scheinen. Er versichert nur, dass es 
eine Grenze zwischen dem speculativen Gebiete der Naturwissenschaft und 
dem thatsächlich errungenen und voUkomuien festgestellten Gebiete gibt, 
und nicht einmal das ist richtig. Wo hört z. B. in der Physik die gesicherte 
wissenschaftliche Wahrheit auf, und wo fBngt die Speculation an? Wann m 
der Physik und Chemie von Wissenschaft die Rede sein, ohne die Speculation 
über Atom und Molecül? Vikchow will, dass die Wahrheit gelehrt, nicht 
bloss die craBsen, nackten Thatsachen dem Volke als die absolute Wahrheit 
gezeigt werden sollen. Man lehrt aber gar oft nicht das, was Wahrheit ist, 
sondern was man für Wahrheit hält. So werden die politisches Lehren der 
Fortschrittsmänner , Über die sich bekanntlich vom staatswissenschaftUchen 
Standpunkte streiten lässt, von den Führern der Partei, wo sich nur immer 
die Gelegenheit bietet, als sicher beglaubigte Wahrheiten der Nation zum 
verzehren und verdauen empfohlen. Und so ist diese Grenze zwischen dem, 
was zu lehren erlaubt oder nicht er!aui)t sein soll, eme reine Fiction. 

„Wenn die Descendenzlehre so sicher ist, wie Herr Haeckel annimmt, 
dann müssen wir verlangen, dann ist es eine nothwendige Forderung, dass 
sie auch in die Schule musa." Ich glaube nicht, dass die deutschen Päda- 
gogen Herrn Vibchow ob dieses Satzes mit dem dignus est mtrare iu nostro 
docto corpore bewillkommnen werden, und Haeckel, von dem der Vorschlag 
ausgeht, wird das Schicksal theilen. Unter der Schule verstehen beide die 
Volks- und Bürgerschule, wenigstens spricht Virchow von nSchnlmeistem", 
welche unwillkürlich die aufgenommene Lehre ihren Schülern überliefern 
würden. Jedes Kind müsste in dem Augenblicke, wo die Descendenztheorie 
gewiss sei, sie als Grundlage seiner ganzen Vorstellung mit auf den Lebens- 
weg bekommen. Obgleich ich mit den meisten jetzt lebenden Zoologen bei 
der Fülle der Beweise der Descendenzlehre, welche Viüchow, allerdings kein 



Zoolog, nicht kenneu will, obgleich ich, sage ich, die Dcscendenzlehre ohne 
Bedenken nach Virchow's Vorschrift, „beschwören" würde, möchte ich doch 
die Conlusion nicht verantworten , die aus der Aufuahme der Abstammungs- 
lehre in den Volkasch ulplan entstehen müssle. Ich habe gar keine Ahnung, 
wie in den Setninarien die „Schulmeister" und in welchen Klassen die Bauem- 
jnngen und die kfinftigen Tischler- und Schusterlehrlinge die Grundlagen und 
die Möglichkeit des Verständnisses für eine Lehre hernehmen sollten, die dos 
Resultat der gesammten modernen Geologie , Geographie und Biologie ist. 
Das wäre ein pädagogisches Kunststück, das auch auf anderen Gebieten des 
hikhereu Wissens noch niemand fertig gebracht hat, wo man gleichfalls den 
Kindern das Pferd nicht beim Schwänze" aufzftumt. Aber ViitCROW hat in 
einem i^atze die Volksschale und die Naüon im Munde, als ob alles, was 
„die Nation verzehren und verdauen" soll, ihr durch die Volksschide zuge- 
führt werden könnte. Iii der Volksschule können die Naturwissenschaften 
nur den wohlgeordneten Stoff eines höheren Anschanungsunterrichtes abgehen, 
und der ist auch iäi den Lehrer, der zum Denken und Ürtheilen erzieht, so 
interessant, dass er sein Mehrwissen dabei gern in sich versclkliessen wird. 
Wenn er seine Schüler richtig beobachten und vergleichen lehrt, so werden 
sie hoffentlich auch als erwachsene Leute von der Descendenztheorie gelegent- 
lich hören dürfen, ohne Schaden zu nehmen an ihrer Seele. 

Die Des cendenzl ehre verlangt, um verstanden zu werden, eme Reife des 
Alters und des IJrtheila, welche in der Volksschule nicht erreicht wird. Ich 
bin sogar der Meinung, dass sie auch in der Mittelschule nicht entwickelt 
werden kann, «io denn wirklich Tausende von Mittel schullehrem diese Resig- 
nation üben, obschon sie auf der Universität die Zoologie nur als Descendenz- 
lehre kennen lernten, und ihr ganzes Denken davon beeinflusst ist. Es wird 
ihnen diess kaum schwerer fallen, als ihren philologischen Collegen, nicht 
mit Sophokles und Pindar herauszuplatzen, während sie tvVigi einüben. 
Etwas anderes ist es, den vorgeschrittenen Schüler auf die einzige Möglich- 
keit der Erklärung des thatsächtichen Befundes, z. B. der geographischen 
Verbreitung der Organismen, der typischen Uebereinstimmung und Aebnlichea 
hinzuweisen und die Reize des späteren Studiums m Aussicht zu stellen. 

Wir halten, trotz Vutcuow, die Deseendenzlehre für bewiesene Wahrheit, 
wünschen sie trotzdem nicht in den Schulplan aufgenommen und huren nun 
mit gesteigertem Erstaunen, dass sie eine ungemein bedenkliche Seite hat 
Dieses Wort VmcHow's ist für alles, was Reactionär heisst, Götterspeise. 
Die Deseendenzlehre bedenklich, gefährlich 1 Von einem Beweise dieser nicht 
noblen Beschuldigung bei Virchow, der so sehr auf die Wahrheit der Lehre 
hält, keine Spur. Er hat nur einige dunkle Andeutungen fallen lassen von 
„ähnlichen Theorien — welchen? — im Nachharlande" und hat seinen Zu- 
hörern und Lesern das Problem hingeworfen, sich von der im Kopfe eines 
Socialisten durch die Deseendenzlehre angerichteten Verwirrung eine Vor- 
stellung zu machen. Das ist in der That eine schwierige und noch duu 
sehr undankbare Aufgabe, obgleich das Publikum des Herrn Vmciiow in 
Hünchen anderer Meinung zu sein scliiea. Wenn die Socialisten klar 
denken« ürden, so müssten sie alles thun, um die Descendenz- 



I 



lehre za verLeim liehen, denn sie predigt überaus deutlich, 
daaa die socialistiscben Ideen unausführbar sind, üebrigeoa 
Hollte es einem Virchow doch nicht begegnen, hiex wieder die Descen- 
denzlehre mit dem Darwinismas zu verwechseln. Auf diesen beruft sich 
eme socialistische Schrift, an welche man allenfalls hier denken kann; die 
dann sich offenbarende QuerköpSgkeit wird man aber doch wohl nicht der 
Descendenzlehre oder dem Darwinismus aufbürden ? Ob Herr YiRCHOVf 
dieses Buch keimt, weias ich nicht Aber warum hat er nicht die milden 
Lehren des Chrislenthums für die Ausschreitungen des Sociatismus ver- 
antwortlich gemacht? Das hätte noch einen Sinn. Seine ins grosse Pnbli- 
kmn geworfene Dennncintion , so mysteriüs, so zuversichtlich, als handelte 
es sich um „eine sicher beglaubigte wissenschaftliche Wahrheit", und doch 
so bohl , vermag ich mit der Würde der Wissenschaft nicht in Einklang 

Bisher bat die Menschheit sich so entwickelt, dass die guten Ideen all- 
fflilhlig siegen. Kur unser Geschlecht veredelt sich der Kampf ums Dasein 
in den Kampf um die Wahrheit. So fassen wir, die geschworenen Anhänger 
der Descendenzlehre, dieselbe auf, wenigstens so lange, bis TmcHow um 
das Gegentheil klar gemacht haben wird. 

und nun noch einige Worte Ober den letzten Punkt. „Wir können nicht 
lehren, dass der Mensch vom Affen oder irgend einem anderen Thiere ab- 
stamme." Dos ist buchstäblich richtig. Wir können weder den Affen noch 
eine andere Thierart namhaft machen, um ihn als unseren ürgrossvater der 
Mitwelt vorzustellen. Wir können aber mit der gröasten Gewisaenarnhe be- 
haupten, dass der Mensch thierischen Ursprungs aei^ Hiervon ist Virchow 
selbst so sicher überzeugt, wie von seiner eigenen Existenz. Wäre er es 
nicht, so würde er alle wisaenachaftliche Methode, alle Berechtigung der dem 
wahren Forscher unentbehrlichen Deduction verwerfen. Wir können auch 
mit unbedingter Sicherheit die Richtung angeben, von wo aus die Entwicke- 
lung des Menschengeschlechtes stattgefunden hat, und mein: besagt der von 
Habckbl aufgestellte Stammbaum nicht. Wenn der Astronom einen Kometen 
entdeckt, ihn aber nur so kurze Zeit sieht, dass er die Elemente seiner 
Sahn nicht bestimmen kann, ist er gleichwohl über die Natur des Kometen 
und die Natur seiner Bahn nicht im Zweifel; sie ist ihm wissenschaftliche 
Wahrheit, er würde über die Tüftelei von subjectiver und objectiver Wahr- 
heit in diesem Falle lachen und die Entdeckung dieses Kometen als wahr- 
haftigen Kometen niemand vorenthalten. Mit demselben Rechte lehre ich, 
dass der Mensch thierische Vorfahren hat. Die Formulirung, welche 
ViBCHOw zum Nutzen schreckhafter Fortschritlsphilist er 
diesem Satze gegeben, ist eine Haarspalterei, welche mit 
der Freiheit der Wissenschaft im modernen Staate und der 



Sirassburg im Elaass, 




IV. stimme der liber&len „Frankfurter Zeitnng;'' 
|Sr. 271, Morgenblati vom 28. September 1877). 

Nouh selten liubeu die Verhaudlungen der deutschen Naturforaclter 
in der Oeffentliclikeit ein so lautes und lebhaftes Echo gefaaden, wie ia diesem 
Jahre zu München. Sind es doch nicht blosse Fachgegeustände und specielle 
Forschungen, die dort zur Erörterung gekommen sind, sondern aucli die 
Tichtige Frage, wie die Keeuilate der Wissenschaft lur das Leben und die 
höchsten Ziele der Menschheit verwendbar gemacht werden können und 
sollen, ist in einer Weise angeregt und discutirl worden, welche der öffent- 
lichen Aufmerksamkeit in hohem Grade werth ist. Man weiss, dass der 
Stillstand der legislatorischen Arbeiten der deutschen Nation von verschiedenen 
Seiten aus als Parole ausgegeben worden ist. In München nun bandelte es 
sich lua die If>age: Soll auch die Wissenschaft stille stehen, sie, die im 
Begriffe ist, aus dem engcu KiLmmerlein des einzelnen Gelehrten herabzu- 
steigen unter die lauschende Menge und mit ihrem strahlenden Lichte überall 
hineinzuleuchten, wo es noch dunkel ist auf Markt und Gassen, in Land und 
Stadt, in Hütte und Palast? Die Frage ist auf der einen Seite bejaht, auf 
der andern verneint worden, und da keine Abstimmung vorgenommen werden 
konnte, so blieb sie ungelöst. Aber nur foiTuell ungelöst; thatsächlich ist 
sie als entschieden zu betrachten. 

Schon die Rede des Professors Näqeli versetzte den Zuhörer mitten in 
die Sache hinein. Dr. Du Bou>-Bewond, der Professor der nationalen Be- 
schränktheit, hatte in einer früher aaf der Naturforscher- Versammlung ge- 
haltenen Rede auch das Dogma von der intellectuellen Beschränktheit auf- 
gestellt und vertheidigt : Wir wissen nichts und werden nichts wissen. In 
d^em Satze liegt keine sokratische Bescheidenheit, imd darum konnte ihm 
ohne Ueb erheb ung Professor Näueli den Satz gegenüber stellen: Wir wissen 
und wir werdeu wissen! Freilich mit der selbstverständlichen Einschränkung: 
Nach Massgabe unserer Mittel, unserer intellectuellen Kraft, unserer endlichen 
Individualität. Nichts, was uns angeht, was wir wissen müssen, kann uns 
Terborgen bleiben. Nur was über die Grenze des Immanenten, des in der 
Welt Liegenden hinausgeht, bleibt uns verborgen. Aber dies kanu uns nicht 
kUmmeru, denn was wir nicht wissen können, das ist so viel, als wenn es 
gar nicht existirte. Nur mit dieser gleichzeitigen Ausdehnung und Beachrän- 
knng, die es dem Menschen und der Welt ermöglichen, ihre Sphäre allein 
und ganz ohne Nebenregierung und ohne Geheimniss auszufüllen, ist die 
Existenz der Welt und die Freiheit, Selbstständigkeit und Verantwortlichkeit 
des Menschen denkbar. Erst muss die Emancipation des Individuums von 
der Herrschaft des Uebernatürlichen, Unbegreiflichen und Trans cendenten 
ansgesprocheu werden , ehe von einer weitereu Entwickelung die Rede sein 
kann. Mag dies vorerst auch nur theoretisch geschehen, die Zeit wird die 
Praxis schon nachholen. 

An diesem Punkte setzte die Rede Ernst Haeckel's ein. Ist die Indivi- 
dualität des Menschen abgegrenzt, so handelt es sich um seine Entwickelung. 



Aui'li hier ünden wir kein Zuthim vud Ausseu, nur ein allmähliges Werdeii 
von Innen heraus. Es exiätirt kein Naturgesetz , ausser lebendig in den 
Naturdingen selbst. Die Natur ist die Erscheinung des Gesetzes, das Gesetz 
ist die Abstraction der Natur. Sollen wir vor den Erscheinungen des soge- 
nsJinten Geistes Halt machen? Wir können nicht, auch venn wir wollten; 
denn wir suchen und finden im Geiste dieselben Gesetze, wie bei jenen Dingen, 
denen wir den Geist nicht zuzuschreiben pflegen. £s ist kein qualitativer, 
nur ein quantitativer Unterschied zwischen beiden. Aber ein neues Moment 
tritt hinzu : die Gemeinschaft. Die einzelnen Individuen organisiren sich und 
vertheilen die Arbeit; es wird der Staat, die menschliche Gesellschaft, Die 
Bedingungen ihrer Existenz sind, der höheren Organisation gemäss, corapli- 
cirter, aber sie sind darum doch natürlich, logisch, erkennbar, beweisbar. 
Das Naturgesetz der Gesellschaft ist die Moral ; nicht das von aussen auf- 
erlegte Gebot , sondern das von innen heraus wirkende, unbeugsame und 
nnerbittüche Naturgesetz. IlAEtJKEL ist nicht der Erste, der die Nothwendig- 
keit, an die Stelle der alten heteronouiscben Moral eine neue, natürliche zu 
setzen, ausgesprochen hat, aber Keiner war so geeignet wie er, aus der 
Fülle seiner naturwissenschaftlichen Erkennlniss heraus diese Nothwendigkeit 
mit einer gewichtigen Begründung zu versehen. Man braucht indess keine 
Furcht zu haben. Durchaus neu und unerhürt wird das HAECKEL'sche Moral- 
gesetz nicht sein. Die Natur liat im Laufe der inenschhcitlichen Entwicke- 
lung schon selbst dafür gesorgt , dass ihre Gesetze auch hie und da ausge- 
sprochen werden. Die Autorität, mit der sie dies erzwingt, ist die Erfahmng. 
Nur wird ihr Spruch nicht immer befolgt und das Unwesentliche, was ihm 
anklebt, wird für wesentlich gehalten. Wenn jetzt der Spruch, auf Qmnd 
und Autorität der Naturwissenschaft, wieder rein erklingt, so kann er nur 
die Fälscher der Moral erschrecken , die für den Bestand ihrer Herrschaft 
fürchten. Das Naturgesetz des Geistes, die Moral, ist sehr einfach ; ea ver- 
langt nur die individuelle, aus dem eigenen Willen hervorgehende Bewegung 
des Einzelnen und die Verpflichtung der Individuen in und unter das grosse 
Glänze. Jene sichert die Entwickelung der Einzelindividuen, diese den Bestand 
der Gesellschaft. Jenes ist die Freiheit, dieses ist die Liebe. So alt diese 
Moral ist, der Versuch, das blosse Wortgeklingel, bei dem es bis jetzt 
geblieben ist, in die That umzusetzen, ist jedesmal neu. Ob die Wissen- 
schaft diese Wiedergeburt der natürlichen Moral aus voller Kraft unterstützen, 
ob sie insbesondere in die Schule herabsteigen soll, diese Frage hat Ernst 
Haeckel aufrichtig bejaht. 

Verneint ist die Frage worden von einem liervorragenden Führer jener 
Partei, die vom i'ortscbritt ihren Namen führt, von Professor ViwiHOW. Mit 
Aufwand aller Beredtsamkeit bekämpfte er die HAECKEL'sche Des cendenzi ehre 
und redete der wisseuschaftlichen Selbstbeachränhung das Wort. Er warnte 
davor, die Zukunft zu gefährden durch zu grosse Benutzung dessen, was die 
Gegenwart darbietet; er hob die Schwierigkeit hervor, der Nation eine 
wissenschaftliche Wahrheit als ganz sicher zu überliefern, und wollte nicht, 
dass eine Lelire in der Schule vorgetragen werde, die nicht vollständig 
erwiesen sei. Sieht man von der speciellen Polemik ViiiCHOw's gegen 



105 

1Iae(:kel ab, so bleibt doch noch genuK übrig, dm zu conatatiren, dass die 
Standpunkte beider Forscher diametral einander gegenfiber stehen. Man 
kann der Ansicht sein, dass Haeckel etwas zu weit ging, als er von der 
Einführung der Descendenxlehre in der Schule sprach, aber bo eng, als 
ViRCHOw sie fasste, ist die Frage lauge nicht. Es handelt sich nicht darum, 
in der Volksschule einen Cursus für Forscher zu geben und die Twöifjährige 
Jugend mit Moneren zu fültem, wohl aber handelt es aicli darum, ob der 
Schulunterricht in einer Weise geliandhabt werden soll oder nicht, die mit 
dein Standpunkt der heuligen Wissenschaft vereinbar ist. Wir machen ein 
neues Untern chtsgeaeta, eine Quelle geistigen Glücks oder Unglücks für die 
gesammte Nation auf viele Jahre hinaus. Nicht der HAECKEL'sche Urschleim 
Bathybins soll in den Scbulplan kommen und auch nicht die generatio aeqni- 
voca soll experimentirt werden; wobl aber fragt es sich: Ist die Grundlage, 
auf der bisher der Volksechulunterricht sich aufbaute, eine vemunftgeipäBBe, 
wahrheitsgetreue und moralische, oder ist sie nicht vielmehr der Art, das» 
jeder Einsichtige, auch wenn er kein Professor ist, ihre Beseitigung dringend 
wünschen muss ? Was die Wissenschaft in diesem Punkte sagt, das ist lange 
nicht so unsicher, wie Herr Vikchow die Wahrheiten der Wissenschaft hin- 
stellt. Wir brauchen nach dem Positiven noch gar nicht zu fragen , schon 
das Negative ist erdrückend und vernichtend. Herr Vibchow hat ernst 
bezüglich der Stigmaiisirten von Bois d'Haine ausgerufen; „Entweder Wunder 
oder Betrug!" Selbstverständlich glaubte Herr ViiiCHOW nicht an das Wunder. 
somit muBste er die Ueberzeugung haben, dass ein Betrug vorliege. Vorsich- 
tigere Leute waren der Ansicht, dass diese Alternative zu eng gefasst, und 
dass wohl keines von beiden Dingen im Spiele sei. Wie dem auch sei , die 
Alternative, die, auf den einzelnen Fall angewendet, zu schroff ist, stellt sich 
als ganz richtig heraus, wenn sie, im Grossen und Ganzen, historisch aufge- 
stellt wird. Der natüriiehe Vorgang, der aus Mangel an Einsicht oder gutem 
Willen als Wunder ausgegeben, gelehrt und überliefert wird, ist auch ein 
Betrug, der in den meisten Religionen, so auch im Christenthum, ganz folge- 
richtig wie seine Geschichte, so auch seine Nomeuclatur hat ; er heiBst der 
fromme Betrug. Es kann dem Herrn Vikchow nicht unbekannt sein, dass 
diesem frommen Betrüge die Wissenschaft ein Ende gemacht hat, und die 
Wissenschaft heute in die Schule hineinbringen, will nichts Anderes heissen, 
als Alles aus der Schule hinausschaffen, was mit dieser Wissenschaft absolut 
unvertraglich ist. Oder hält vielleicht der Herr Professor Virchow das 
Stillstehen der Sonne im Josoa'schen Sinne oder die Auferstehung Christi 
für Dinge, die wissenschaftlich nicht anzugreifen sind? Sollen sie also immer 
noch von Staats wegen gelehrt, soll immer noch auf ihnen das ganze Gebäude 
des öffentlichen Unterrichts aufgeführt werden? 

So die Angelegenheit praktisch zugespitzt, erscheint der Vikchow 'sc he 
RUckzupruf in unheimlicher Belent^htung , und es ist nicht zu verwnndem, 
dass alle Organe des Rückschritts die Hand des unerwarteten Bundesgenossen 
ergreifen. Damit aber auch in politischer Beziehung kein Zweifel erstehe, 
wie der Ruf gemeint sei, hat Vibchow die enge Verbindung der Descendenz- 
theorie mit der socialdemokrati sehen Theorie demonstrirt und — denuncirt. 



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Die Faileuecheinigkeit dieses Arguments kommt allerdings nur auf Sechnong 
des Politikers, aber der NaturforBcher wird sich nicbt darüber beklagen 
diiri'en, wenn man aus allen seinen Ausführungen die rücksclirittliche Tendenz 
herausliest. Es wäre ein gewichtiges Wort gewesen, das Virchow an der 
Seite Haecki:l'e zu Gunsten des geistigen Fortschritts, namentlich in Bezug 
auf das in der Schwebe befindliche ünterrichtsgesetz, in die Wagschale hätte 
werfen können; er hat es nicht gethan, er liat im Gegentheil angeklagt und 
] versucht, wo noch die Beschleunigung noth thut, Ob Vibchow's 
Angstruf Erfolg hat? Schwerlich. Die Wissenachaft lässt sich nicht mehr 
in das Prüfe BSQ renkilmmerleiu sperren; mit ihrem feinen Geäder ist sie in 
alle Ritzen des Gesellachafüsgebäades eingedrungen und will zu einer neuen 
luftigen Halle heranwachsen. Wer yemünftig ist, der hemmt nicht den 
Strom, sondern sucht ihn zu leiten, Dass aber die moderne Anschauimg 
und ^e praktische Wirksamkeit der Wissenscliaft bereits viel zu stark ist, 
' I sich wieder in Zunftschranken eindämmen liesS^, das hätte 
einem Manne wie Vischow nicht entgehen sollen. 

Trotz des Beifalls, den Virchow's Rede fand, hat die Münchener Natur- 
forscherversammlung sieh für Haeckel entschieden, und der nicht bloss wissen- 
schaftlich gebildete, sondern auch unbefangene und freisinnige Theil der 
Nation wird diesem Entscheide sich anschliessen.